O-Leeeeh, o-Leh, o-Leh, o-Leh!

An alle, die uns lieben und es noch nicht mitbekommen haben: wir leben! Ich weiß, ich hab euch Speib-Fotos und Details vom Weg (Manali – Leh) versprochen – leider (gott sei Dank!) kann ich nur mit Letzterem dienen.

Also: von Manali nach Leh sind es um die 450 km. Ein Katzensprung könnte man sagen. Eigentlich. Wir haben 20 Stunden gebraucht. Also könnt ihr euch uuungefähr die „Straße“ vorstellen. Nach 6 Beulen am Kopf und Krämpfe in den Armen gibt man es schließlich auf, sich festzuhalten. Die Straße, die Schlaglöcher, der Abgrund, die Beulen – das alles kann ich noch toppen: wir hatten nämlich die ganzen 20 Stunden nur einen Fahrer. 20 (!!!) Stunden mit 2 x 30 Minuten Pause. Ich hoffte inständig, dass er in den Pausen Lines zog.

Der Weg ist definitiv einer der gefährlichsten, gleichzeitig aber einer der absolut schönsten der Welt. Bei der ersten Pinkelpause irgendwann um 2 Uhr früh bin ich beim Ludln vor lauter Schauen fast umgefallen: noch niiiiie habe ich so einen Sternenhimmel gesehen. Millionen Sterne leuchteten so hell, dass wir sogar die Berge rund um uns sahen. Irgendwann wurde es hell und noch schöner… Nichts außer Berge! Ab und zu mal ein paar Kühe da, ein paar Zelte dort. Die Umgebung lässt dich sogar die Angst vergessen, und das heißt wirklich was! Da ich es kaum in Worte fassen kann, hier ein paar Bilder (bitte währenddessen Bollywood-Musik abspielen lassen – zwecks der Wirkung 😉 )

Nach gefühlten tausend Stunden kamen wir dann am zweithöchsten Pass der Welt an: 5.328 m. Wenig Luft, viel Freude:

 

 

Und dannnnnn… endliiiiich… Leeeeh! Die Stadt liegt, wie bereits im letzten Eintrag erwähnt, auf 3.500 m. Da wir das natürlich nicht gewohnt sind, sollte man die ersten Tage nichts tun (mittlerweile ja unsere Spezialität), um sich zu akklimatisieren. Und das mein ich komplett ernst. Ich nämlich, in meiner Gscheidheit, renn gleich mal rauf in den ersten Stock aufs Klo… und dann sitz ich da und brauch 10 Minuten Verschnaufpause, bevor ich überhaupt pieseln kann. Also ja – 3.500 m sind definitiv hoch. Spätestens, wenn der Ball von deinem Deo-Roller rausspringt und du beim Bergaufgehen kurz vorm Herzinfarkt warst, weißt du das.

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Wir wohnen in einem Guest House mit gemütlichem Garten außerhalb vom Zentrum, das von Vater-Mutter-Sohn betrieben wird. Als wir ankommen, bekommen wir Tee und Kekse und es wird uns gesagt, dass wir uns ausruhen sollten. Beim gemeinsamen Abendessen im Wohnzimmer mit den anderen Gästen kannst du dich wunderbar unterhalten und – das Beste – immer wieder um Nachschlag bitten. Feels like home.

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Chü-plotz.

Leh liegt im Bundesstaat Jammu & Kashmir. Dort gibt es nach wie vor Konflikte zwischen Indien, Pakistan und China, weswegen einige Reiseführer vor Reisen dorthin warnen. Leh bzw. die Region Ladakh ist jedoch als friedlich einzuschätzen, weswegen ihr euch keine Sorgen machen müsst 🙂 Die Stadt ist im Vergleich zu den letzten Orten sehr sauber (zu meinem Erfreuen, weil sauber = keine Mäuse. Oder? ) Da man hier umgeben von Bergen ist, kann man natürlich richtig coole Treks und Ausflüge machen (Anm.: Papa, des wär wos für di!). Die Straße von Manali wird normalerweise schon Anfang September zwecks Winter bzw. Schnee geschlossen. Da es aber noch sehr warm ist, wurde dies auf Anfang Oktober verschoben. Das ist anscheinend nicht zu allen durchgedrungen, denn Touris gibt es hier fast keine. Juhu! Die mögen wir nämlich nicht.

So verbrachten wir die ersten paar Tage mit Gitarre & Karten spielen, shopping (es ist saukalt hier!) und – FAVOURIT – Masala Chai. Sam fuhr, im Gegensatz zu uns, mit dem Motorrad von Manali nach Leh. Das machte natürlich die anderen Burschen inkl. Philipp neidisch. Ich will auch, ich will auch, meins ist größer als deines. Ihr kennt das. Deswegen haben sich schließlich alle ein Motorrad gemietet.

Um gleich die erste Frage zu beantworten: NEIN, in Indien interessiert es alle einen Scheißdreck, ob du einen Führerschein hast. Außer Sam hat nämlich keiner einen. Also widmete ich mich im Garten dem Blog, während die Burschen sich einem Crash-Kurs unterzogen. Sam zeigte ihnen grundlegende Dinge wie „wie schalte ich, wo bremse ich, wie bringe ich mich nicht um“ und dann war jeder auf sich allein gestellt. Philipp kam mittags kurz vorbei, um Bericht zu erstatten. Mit verwuschelten Haaren und einem Grinser vom linken bis zum rechten Ohr erzählte er mir, was für ein geiles Gefühl es sei. Natürlich musste ich mir selbst ein Bild davon machen und fuhr mit ihm mit. Und JA, es ist wirklich geil! Vor allem nach nur 5 Stunden Training so zu fahren! Mein Mann hat’s einfach drauf. #biker. Trotzdem gaben wir abends das Bike zurück – mehr dazu später.

Am nächsten Tag wollte die Motorrad-Gang (Notiz an mich: Name für Gang überlegen) zum höchsten Pass der Welt (5.602 m)fahren. Der liegt nämlich auch hier in Ladakh, ca. 1,5 Stunden entfernt. Philipp und ich wollten eigentlich nicht fahren, da wir kein Bike mehr hatten. Allerdings – ich hab den besten Freund der Welt! – hat mich Philipp spontan überredet mitzukommen, da er den ganzen Tag zuvor unterwegs war.  Also durfte ich bei Sam mitfahren, was ein großes Glück war. Da er nämlich tatsächlich einen Führerschein besitzt, fuhr er natürlich anders (schneller, wuuu!) als die anderen.

Resümee: Ich bin vorher noch nie Motorrad gefahren, aber es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl! Du schließt die Augen und atmest tief ein. Aufgrund der Geschwindigkeit trocknet dein Mund aus. SCHNELLEEEER. Dir stockt der Atem, du spürst das Adrenalin in jeder Ader deines Körpers. Was wenn… du hast keine Wahl, du musst ihm vertrauen. Du schließt die Augen. Fühlt sie wie frei sein an. Für dieses Gefühl nimmst du spröde Lippen, Sonnenbrand und einen schmerzenden Popsch (Schlaglöcher, olé) gerne in Kauf.

Ich kann es gar nicht erwarten, wieder am Bike zu sitzen. Wir kommen nicht, wie gedacht, als Hippies nach Hause, sondern in Lederjacke und Stiefeln. Hell yeah. Oder wie die immer sagen. [Nachtrag: beim Durchlesen ist mir aufgefallen, dass ich nichts über den Pass erzählt habe. War aber relativ unspektakulär, da er ähnlich wie der zweithöchste Pass aussieht. 20 Minuten oben (länger würde laut einem Schild deiner Gesundheit schaden), Foto, Selfie. Das war’s.)

Danach wollten wir unbedingt zum Pangong Tso, dem höchstgelegenen Salzsee der Welt (4.200 m). Der eigentliche Grund, warum die Burschen Motorrad fahren lernen wollten, war, dass wir dann eventuell mit dem Bike zum See fahren könnten. Allerdings haben Philipp und ich – vernünftig und erwachsen wie wir sind – uns schlussendlich dagegen entschieden. Ein paar Stunden Training reichen halt doch nicht für 12 Stunden auf einer holprigen Gack-Straße mit Schotter und wenig Platz bei Gegenverkehr. Während sich die anderen also früh morgens mit dem Bike auf den Weg machten, stiegen wir bequem in den Jeep ein. Das wird eine gemütliche Fahrt. DENKSTEEEE. Mit abgefahrenen Reifen ohne Profil beförderte unser Fahrer den Jeep inkl. uns nämlich nach 30 Minuten in den Graben. Im selben Moment sprangen ca. 20 Inder aus 4 verschiedenen Autos und versuchten, unserem überforderten Fahrer zu helfen. Hilfsbereit sind sie ja, die Inder.

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Na seawas.

Dank der wundertollen Landschaft war unsere Angst schnell vergessen. Ich persönlich bin ja ein großer Fan von Zug, Bus und Auto fahren. Ich liebe es, aus dem Fenster zu schauen und alles zu beobachten, was an einem vorbeirauscht. Berge & Täler, Menschen & Tiere, Flüsse & Seen. Kopfhörer rein, Musik an, Welt aus. Das Leben sollte sowieso eine Hintergrundmusik haben.

Obwohl es dort aufgrund der Höhe noch kälter ist, geht’s von der Unterkunft direkt in den See. Die Frage, ob es kalt war, kann sich jeder selbst beantworten, aber dafür können wir jetzt mega angeben!

Ein Spaziergang war perfekt, um die Ruhe und Landschaft ausgiebig zu genießen. Die Umgebung war überwältigend, man befindet sich mitten im Himalaya-Gebirge! Gigantische Berge in verschiedenen Braun- und Rottönen. Die Farben fließen ineinander, als wäre es ein Gemälde aus Wasserfarben. Sie wirken so weich und sanft und gleichzeitig mächtig und unreal. Hat hier jemand einen Pappkarton aufgestellt?

Irgendwie fühlt es sich nicht wie Indien an: riesige Berge mit angezuckerten Gipfeln, eiskalte Luft, saftig grünes Gras, kletternde Gämse. Am Spiegelbild im Wasser erkennst du, wie klein und machtlos du gegenüber den Bergen wirkst. Mutter Natur ist schon ein Angeber. Aber sie hat’s auch wirklich drauf! Man sollte sowieso viel öfter stehenbleiben, sich umsehen und die Schönheit der Umgebung bewusst wahrnehmen. Und ich muss es viel öfter zu schätzen wissen, was für ein Glückspilz ich bin, dass ich so etwas erleben darf.

Am nächsten Tag läutete der Wecker um 5.30. Der frühe Vogel fängt zwar einen Scheißdreck, aber wir wollten unbedingt den Sonnenaufgang sehen. In Decken gekuschelt saßen wir vorm Haus, schweigend und in Vorfreude das Schauspiel. Obwohl sich die Sonne noch hinter den Bergen versteckt, erreichen die ersten Strahlen bereits die Bergspitzen. Nach und nach spürst auch du die Wärme, die durch deinen Körper fließt. Niemand sonst ist wach. Totenstille.

Tee, gute Leute und Sonnenaufgang… es sind die einfachen Dinge, ohne Scheiß.

 

Sonst so:

  1. In Österreich gab es oft die Diskussion, ob so eine Reise nicht allein besser wäre. Weil da lernt man ja viel leichter Leute kennen und da ist man viel offener und… Bullshit. Ganz ehrlich – wenn du nicht zu zweit sein willst, bist du’s auch nicht. Nachdem ich uns als relativ aufgeschlossene und kommunikative Menschen bezeichnen würde, hatten wir noch nie ein Problem damit, neue Leute kennen zu lernen. Letztens ist uns aufgefallen, dass wir beispielsweise noch kein einziges Mal zu zweit essen waren. Du hast es also selber in der Hand. Und wenn du mal keinen Bock auf neue Leute hast (kann zwischendurch auch mal vorkommen), dann setzt du halt deinen „Geh in Oasch“-Blick auf. Den hab ich eh schon lange perfektioniert.
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Wer hod Freind? Wir, wir!

 

  1. Wir wurden nun schon ein paar Mal gefragt, wie es zwischen uns läuft, ob es Streit gibt, etc. Ich kann euch beruhigen: wir haben uns immer noch sehr lieb! Alles ist gut und wir werden auch die nächsten Monate gemeinsam verbringen 🙂 Allerdings kann ich nach den letzten Wochen bestätigen: beim Reisen lernst du deinen Partner WIRKLICH kennen. Erstens verbringt man jede Sekunde gemeinsam. 24/7. Das heißt: alles was du machst, egal was (dir) passiert – der Partner ist da. IMMER. Auch bei Durchfall. Zweitens gibt es natürlich Momente, in denen man gepisst ist. Beispiel: 15 Stunden im Jeep, ohne Schlaf, alles tut dir weh, Hunger. Da kann es schon mal vorkommen, dass man seine Laune am Partner (an wem sonst?) auslässt. Drittens siehst du scheiße aus. Ungewaschene Haare, ungeschminkt, Mustermix von Kopf bis Fuß (ich persönlich nenne das ja Stilbruch!), Luluspritzer auf den Schuhen (haha). Fakt ist, so eine Reise kann schon eine Belastbarkeitsprobe sein. Fakt ist aber auch, wenn dich dein Freund/deine Freundin dann noch liebt, liebt er/sie dich wirklich.
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  1. Es ist einfach unglaublich, wie viele und vor allem wie viele unterschiedliche Leute man trifft: 19-jährige, die sich vor der Uni eine Pause gönnen. Paare wie wir, die Job und Wohnung gekündigt haben und für 1 Jahr unterwegs sind. 60-jährige Pensionisten, die ihr Haus vermieten und nach 40 Jahren Arbeit endlich mal was erleben wollen. Leute, die bereits seit Jahren reisen und mit ganz wenig Geld sehr glücklich sind. Die Geschichten sind so unterschiedlich, jede für sich einzigartig und spannend. Und unter den ganzen Leuten gibt’s dann welche, bei denen du nach dem zweiten Satz weißt „Jap, dich mag ich“. Eine Wellenlänge halt. Smalltalk entwickelt sich zu guten, ernsten Gesprächen. Statt oberflächlichen Unterhaltungen wird gelacht, bist der Bauch weh tut. Die gemeinsamen Erlebnisse verbinden, man teilt sich das Zimmer, verbringt gemeinsam den Tag und kennt bald die Eigenheiten eines jeden. Bald kann man nebeneinander sitzen, ohne die Stille als unangenehme Gesprächspause zu empfinden.

Und bei anderen so: „öh na, du ned.“

 

 

 

Viel zu viel, oh Gott. Sorry, mein Kopf ist viel zu voll mit Gedanken. Baba, ihr Guadn!

PS: An alle, die glauben, wir sind assozial: wir haben wirklich selten Internet. Entweder es funktioniert stundenlang nicht oder der Strom im ganzen Ort wird wieder mal abgedreht. (Was ich eigentlich schön finde – mehr Gespräche, weniger Facebook beim Abendessen!). Also, sorry Leute! Es liegt nicht an euch, es liegt an uns. Wir antworten asap.

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