Jullaaaayyy!

Dieser Blog-Eintrag wird einzig und allein unserem Trek gewidmet. Weil wir nämlich unglaublich stolz auf uns sind. Amen.

Aja, also entschuldigt bitte die nächsten fünftausend Berg-Fotos. Faaad, i waß.

Der Trek durch das bei ausländischen Klettermaxln bekannte „Markha Valley“ dauert fünf Tage. Wie das die professionellen Bergsteiger halt so machen, haben wir für die Tage auch einen Guide. Wir wollen ja nicht verloren gehen 🙂  Wangju, der Guide, ist eigentlich Student, verdient sich allerdings in den Sommerferien Geld durch diverse Bergtouren. Auf meine Frage, ob man in Indien auch eine Prüfung zum Bergführer ablegen muss, antwortet er mit schallendem Gelächter. Was da jetzt lustig ist, versteh ich auch nicht.

TAG 1:

Wir werden mit Autos zum Ausgangspunkt gebracht. Bevor es allerdings losgeht, müssen wir einen Fluss in einer Holz-Box an einem Stahlseil überqueren. Poah, 5 Minuten und schon beginnt das Abenteuer.

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Jetzt aber! Oder doch nicht – leider hat Rikki (zweites Mädl unserer Gruppe) Probleme mit der Höhe und braucht nach jedem 10. Schritt eine Pause. Deswegen endet ihr Abenteuer leider schon nach 30 Minuten.

Wir jedoch, top motiviert, erreichen nach nur 2,5 Stunden bereits unsere Unterkunft für die erste Nacht. Höhe: 3.300m.

Wir nützen den warmen Nachmittag für ein Bad im Fluss. Eiskalt, aber wenn schon keine Dusche, dann zumindest kaltes Wasser und Deo unter den Achseln.

In den nächsten vier Tagen übernachten wir in sogenannten „Homestays“. Das heißt, man lebt mit einer Familie im selben Haus. Man hat zwar ein eigenes Zimmer, alle anderen Räume (Wohnzimmer, Küche, Bad, WC) aber teilt man sich. Unsere Zimmer sind spärlich ausgestattet – zwei Matratzen am Boden, das war’s. Die Dusche wird durch einen Kübel mit kochendem Wasser ersetzt. Das „Klo“ befindet sich in einer eigenen Hütte außerhalb vom Haus. Sie selbst bezeichnen es als „Ladakhi Dry Compost Toilette“ – unterm Strich ist es ein Loch im Boden, wo nach dem Geschäft Sand darüber geschaufelt wird. Gewöhnungsbedürftig, gut für die Oberschenkeln.

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Honey Moon Suite

Wir bemerken, dass, egal welche Frage wir stellen, die Antwort immer „Julay“ (Tschüleee). Julay heißt nämlich: hallo, tschüß, guten Morgen, guten Abend, bitte, danke, gerne. 50 % des Wortschatzes haben wir also schon drauf.

An diesem Abend gibt es keinen Strom, aber das Abendessen mit Stirnlampen ist dafür umso romantischer.

TAG 2:

Auf die Plätze, fertig, los! Ich frage mich, ob es sich hier um einen Marathon oder einen Trek handelt. In Österreich würde man den Guide fragen: „Host wos gstoihn oda warum rennst so?“. Ich frage ihn, ob wir etwas langsamer gehen könnten, weil wir erstens den ganzen Tag Zeit haben und zweitens dann die Umgebung mehr genießen könnten. „No, fast“. Okay, das war direkt.

Nichtsdestotrotz ist die Landschaft der Hammer. Teilweise ziemlich karg, nur neben dem Fluss, der sich durch das Tal zieht, sieht man Wiese, Bäume, Büsche. Es scheint als würde er im Boden Leben erwecken.

Nach einem 6 Stunden Marsch befinden wir uns auf knappe 3.770 m. Den freien Nachmittag verbringen wir mit Karten spielen und Baden – diesmal aber mit Seife. Ich würde gerne wissen, was sich vorbeimarschierende Wanderer gedacht haben, als sie meinen rausgestreckten Popsch beim Haare waschen im Fluss gesehen haben. Außerdem erledigen wir im Fluss auch das Wäsche waschen. Bei so einem Trek kannst du nämlich nicht alles doppelt und dreifach mitnehmen – das hab ich von Papa gelernt. Also läuft das so: frisches Leibal anziehen, grausliges Leibal ausziehen, (mehr oder weniger) waschen, trocknen, frisches Leibal anziehen, usw.

Zur Unterkunft gibt es keinen Straßenzugang mehr. Das bedeutet, alle Lebensmittel können nur noch mit Pferden/Eseln/Jaks oder Maultieren transportiert werden. Jede Bestellung muss also gut durchdacht sein und früh genug bestellt werden. Einfach so mal zwecks Joghurt zum Supermarkt gehen, gibt’s hier nicht.

Wir wohnen bei einem alten Mann und seinen drei Töchtern. Am Nachmittag sitzen wir mit ihm in der Küche und trinken sein selbst gebrautes Bier. Das ist das Schöne an den Homestays: man bekommt einen Einblick in das Leben der Menschen und kann sich mit ihnen unterhalten bzw. etwas über ihr Leben, über Indien, über das Essen, etc. erfahren.

Wir plündern seinen Biervorrat und peinlicherweise sind wir nach dem ersten Bier betrunken. Und das als ÖsterreicherIn! Pah, Schande! Da es den anderen genauso geht können wir davon ausgehen, dass es an der Höhe liegt. Na Gott sei Dank.

PS: Die Nacht war schrecklich. Als ich nämlich mitten in der Nacht aufgewacht bin und die durch den Wind knarrenden Holzfenster und -türen hörte, bildete ich mir natürlich ein, es sei eine Maus. Gebrüll, Tränen, Drama – bis Philipp die Tür richtig schloss und so das Knarren aufhörte. Mein Held.

TAG 3:

Ich genieße es, alleine zu gehen und ich glaube, die anderen denken sich dasselbe. Es ist unglaublich still, links und rechts Berge und über dir die Adler, die mit ausgebreiteten Flügeln ihre Runden ziehen. Ich schätze die Ruhe und die Zeit zum Nachdenken… egal, ob im Hostel, im Zimmer, beim Essen, im Bus – man ist ständig von Menschen umgeben und hat nur selten Zeit für sich selbst.

 

Nach nur ca. 4 Stunden erreichen wir unser heutiges Tagesziel. An dieser Stelle muss nochmal betont werden, dass wir, vom Guide getrieben, extrem schnell unterwegs waren und somit immer 1-2 Stunden schneller als geplant waren. Wir sind einfach Extrem-Sportler.

Einige haben schon mit der Höhe zu kämpfen, andere mit Blasen an den Füßen. Deswegen verbringen wir den Nachmittag im Wohnzimmer der Familie. Das Haus befindet sich am Arsch der Welt, weit entfernt von jeglicher Zivilisation. Ihr teuerstes Gut sind ihre hundert Jaks und Schafe. Von TV, Radio oder Internet kann man hier nur träumen. Für uns unvorstellbar.

Den Familienmitgliedern beim alltäglichen Leben zuzusehen, ist unglaublich interessant. Das harte, anstrengende Leben zeichnet sich in ihren faltrigen Gesichtern ab. Im Haus wohnen drei Generationen. Die Frage, wie alt sie sind, können sie nicht wirklich beantworten. „Um die 70.“ Geburtsdaten wurden hier bis in die 70er Jahre nicht festgehalten. Geburtstagsparty mit Kuchen und Sekt dann wohl eher nicht so. Der Guide erzählt uns, dass die Familie das ganze Jahr (WTF!) hier lebt und relativ reich ist. Auf die Frage, warum sie dann nicht in eine Stadt ziehen, um dort zu leben, bekomme ich  ganz selbstverständliche  die Antwort: „Warum sollten sie? Sie wollen hier leben!“. Eigentlich logisch. Muss ja nicht jeder seine Jugend in Clubs verbringen.

Am Speiseplan steht heute… tadaaaa: vegetarische Momos. Praktisch das Schnitzel von Österreich – jeder kennt und liebt es (sie). Das Beste daran ist: wir dürfen mithelfen. Als Vorspeise wird eine Packung  Knorr-Fertig-Gemüsesuppe in 5 l Wasser aufgekocht. Mahlzeit.

TAG 4:

Nachdem uns Wangju schon im Vorhinein gesagt hatte, dass die letzten beiden Tage die anstrengendsten sein werden, konnte ich mir nun ungefähr vorstellen, was er meinte. Dachte ich. Denn über 900 Höhenmeter sind echt kein Scheiß – vor allem nicht auf einer Höhe von 3.900 bzw. 4.800 m.

Bereits nach 30 Minuten spüre ich die Höhe: kribbelige Finger und Zehen, Kopfweh, Übelkeit, Atembeschwerden. Das wird zach. Ich bewege mich ganz langsam, Schritt für Schritt. Geht man auf dieser Höhe nicht sein eigenes Tempo, sondern nur ein bisschen schneller, muss man für einige Minuten stehenbleiben, um sich wieder zu erholen. Plötzlich laufen 30, 40, 50 Pferde und Esel auf mich zu. Fata Morgana?

 

Irgendwie hab ich mir den Fuß verdreht, meine Achilles-Sehne schmerzt. Weiiit entfernt sehe ich ein paar Zelte. Gleich sind wir da, gleich sind wir da, ich muss an was anderes denken. Die letzten 2 km kommen mir wie eine Ewigkeit vor.

Dann – endlich – sind wir da. Mitten im Nirgendwo stehen ein paar Zelte. Unser Schlafplatz für heute. Es ist windig und kalt und als ich mich angezogen in unser Zelt lege, merke ich, dass uns auch der dünne Stoff des Zeltes nicht davor schützen kann. Die letzten Stunden waren so kräfteraubend, dass wir trotz der Kälte nach 2 Minuten einschlafen. Ich wache auf, sitze im Zelt und ringe nach Atem. Es fühlt sich an, als hätte ich für eine Minute die Luft angehalten. Die Höhe.

Wir gehen in das Gemeinschaftszelt und treffen die anderen. Während wir schlafen geht Henry, einer von uns, noch weiter auf 5.200 m. Er kommt zurück und muss sich übergeben. Ich sag’s nochmal: die Höhe darf man nicht unterschätzen.

Jeder hier bewegt sich langsam, sei es zum Klo oder um Tee zu holen. Ich kämpfe nach wie vor mit Kopf, Fuß & Atem. Trotzdem ist es schön, mit allen anderen im Gemeinschaftszelt zu sitzen und über den Trek und die erlebten Geschichten zu sprechen. Wir treffen sogar eine Deutsche, die in Klagenfurt studiert. In Klagenfurt, Alter! Die Welt ist eigentlich ziemlich klein.

Erst jetzt fällt mir auf, dass außer uns alle die perfekte Trekking-Ausrüstung haben: richtige Wanderschuhe, Gore-Tex Kleidung, Wanderstecken. Wir sitzen da, mit Jeans und generell viel zu kalter Kleidung. Einer von uns trägt New-Balance Sneakers. Naja, hauptsache stylisch!

Das Klo (Loch im Boden) macht mir langsam zu schaffen. Nach 4 Tagen gehen, gehen, gehen kann ich den Muskelkater in den Füßen spüren und muss mich an den Wänden hochziehen, um aus der Hocke zu kommen. Ludln wird zum Hochleistungssport.

Wie dem auch sei… morgen ist es soweit! Das Finale! Das, wofür ich die letzten 4 Tage gekämpft habe! Bereits um 19:30 Uhr liegen wir im Zelt. Wir wollen auf den Fotos vom großen Tag ja keine Augenringe haben.

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Zelt-Söfiiii

TAG 5:

Die Nacht war kalt. Sooooooo kalt. Arschkalt. Ich glaube, mir war noch nie so kalt. So kalt, dass morgens sogar der Fluss gefroren war. Der Fluuuhuuss! Obwohl wir uns alles anzogen, was wir dabei hatten und uns unter zwei dicke Decken kuschelten, konnten wir insgesamt nur 3 Stunden schlafen.

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Gu Moang Schaflis

Nach einer Riesenportion Kohlenhydrate geht’s los. Im Schneckentempo. Wenn ich in den letzten Tagen eines gelernt habe, dann wohl: schaue nie nach oben. Niemals! Gesicht auf den Boden gerichtet und Gedanken bei schönen Dingen. Schweinsbraten, Kuscheln, Babykatzen. Nur nicht an den Pass denken. Und schon gar nicht an den Fuß. Weh, alles tut weh! Babykatze, Babykatze – ich muss durchhalten.

So geht es ca. 80 Minuten. Bis wir den Pass erreichen.WIR HABEN. DEN PASS. ERREICHT. Ich könnte weinen und schreien und springen gleichzeitig. Ok, springen schaff ich nicht. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so stolz war. Wenn ich jetzt sterbe, dann immerhin glücklich.

Die Leidenschaft für Wandern/Bergssteigen habe ich lange nicht verstanden. Als Familienausflug getarnt, entpuppt sich Wandern, spätestens wenn du 14 bist, zu einem unfassbar langweiligen Zeitvertreib. Alkohol, Freunde, fortgehen – alles viel spannender!

Irgendwann wirst du dann älter, Sauf-Eskapaden werden auf Dauer langweilig. Wir brauchen ein neues Hobby! Philipp und ich haben erst vor ein paar Monaten (wieder) mit dem Wandern begonnen. Bumzua-Fotos auf Facebook wurden durch Gipfel-Selfies ersetzt. Irgendwie witzig, dass man plötzlich die Natur wieder so schätzt und das Wochenende lieber auf dem Berg, als restfett im Bett verbringt. Wir werden alt.

Nach Umarmungen und Freudentränen beginnt die letzte Etappe: 1.700 Höhenmeter abwärts. Ehrlich gesagt kann ich nicht viel darüber erzählen. Jeder wollte einfach nur, dass es vorbei ist. Nachdem man sein Ziel erreicht hat, will man einfach NICHT MEHR. Alles, was vorher bestaunt und fotografiert wurde, wird ignoriert. 5 Stunden (ich seh mich schon am OP Tisch mit Plastikknien) später erreichen wir das letzte Dorf. Yeeeesssss! Jetzt erst amoi a Tschick!

So stolz und froh wir auch waren – nach 400 Höhenmeter rauf und 1.700 runter waren wir am Ende. Die einzige Konservation im Auto, war die Diskussion, wer als erster duschen gehen darf. Ich habe mich noch nie so schmutzig gefühlt: dreckige Nägel, 3 Tage lang keine Dusche, fettige Haare, geschwollene Finger von der Höhe. Pfui Teufi.

Fazit: Das war definitiv eines der härtesten Dinge, die ich gemacht hab, aber es hat sich auch definitiv gelohnt. Raus aus der Komfortzoneee! Papa, ich weiß, du bist stolz.

PS: Wir haben noch immer Muskelkater!

4 Kommentare zu „Jullaaaayyy!

  1. Hallo ihr Beiden! Ihr habt ja schon so viel geschafft!! Und eure Kommentare sind ganz ganz toll… ich schaue jede Woche bei eurem Blog nach.

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