The Indian Las Vegas

Fortsetzung von „Der blödeste Montag unserer Reise und warum ich diesen Tag aus meinem Gedächtnis streiche“.

Da sind wir also in Delhi und nach, wie immer, zu wenig Schlaf geht die Gaudi wieder von vorne los: Rucksack packen (igitt), Taxi, Flughafen. Nach den letzten anstrengenden Tagen geht’s endlich, eeeendlich, in den Süden: Strand, Meer, Kokosnuss in der linken und Buch in der rechten Hand. Die Vorfreude ist so groß! Und kurz.

Komplett übermüdet stehen wir nämlich morgens um 6 am Flughafen vor der Anzeigetafel für die nächsten Flüge und finden unseren Flug nicht. Warte – wir hatten noch keinen Kaffee – lieber nochmal checken. Hm.. 07:30 Uhr nach Mumbai. Wir schauen auf unser Ticket: 06:30 Uhr nach Mumbai. Verzweifelter Kontrollblick auf unser Ticket, nochmal auf den Bildschirm. Na. Na. Naaaa! Träume ich? Lieber Gott, sag, dass ich träume. Naaaa! Okay, jetzt sind wir munter.

Unser Flug verlässt in exakt 35 Minuten das Rollfeld. Ich befürchte ohne uns. Mission Impossible-Montag – Start – jetzt, 06:03 Uhr. Alles geht ganz schnell: wir laufen zur Fluggesellschaft, erklären die Lage und fragen, bitten, hoffen, dass wir unseren Flug noch erwischen. Die Antwort war kurz, knapp und direkt: No. Okaaay. Und wenn wir ganz schnell laufen? Bitte? Hm? – No. Blöde Kuh. Bei der Airline Bewertung kriegt das Personal ganz sicher 0 von 5 Punkten. Ha, nimm das!

Dann laufen wir zum Ticketschalter, fragen bzgl. Last Minute Tickets und buchen den günstigsten: 55 Euronen. 55 Euro für nichts. Klar, es könnte schlimmer sein (kann es das nicht immer?), aber bei einer Reise, bei der du überlegst, ob du die € 2,10 Nudeln oder den € 2,30 Reis nimmst, ist das schon eine große Sache. Von € 55,- kann ich in Indien  3-4 Tage leben. Vor allem wissen wir nicht mal, warum wir zu spät sind. Nicht, weil wir verschlafen haben oder wir im Stau gestanden sind. Wir haben den Flug gebucht, an 07:30 Uhr gedacht und nie wieder die Zeit gecheckt.

Normalerweise bin ich ja eine von den Uncoolen: ich bin nicht pünktlich, sondern früh dran. 5 Minuten vor der abgemachten Zeit, dann bin ich beruhigt. Deswegen ist mir sowas auch noch nie passiert und deswegen hatte ich auch nie Verständnis für „Ich habe den Flug versäumt“-Geschichten. Wie blöd muss man sein, dass man seinen Flug versäumt? Naja, jetzt weiß ich’s: so blöd.

Obwohl wir am Flughafen fast verhungern und uns der Kaffee und das Brötchen von der Seite anlächelt, kaufen wir nur Wasser. Damit haben wir bereits € 1,80 gespart. Bleiben nur noch 53,20. YES! Läuft.

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Doof, doofer, dieser Montag.

 

Kurze Zeit später sitzen wir tatsächlich im Flugzeug und wieder 2 Stunden später landen wir in Mumbai. Na immerhin. Mission Impossible, Teil II: es ist 10 Uhr morgens und unser Zug nach Goa fährt um 23 Uhr. 13 Stunden, die wir überbrücken müssen. Deswegen hatten wir die Idee, dass wir ein nettes Hostel suchen, wo wir unseren Rucksack abgeben, das WIFI nützen und abhängen können. Wir haben aber weder Internet, noch ein Hostel, geschweige denn wissen wir, wo wir sind bzw. welcher der 20 verschiedenen Bahnhöfe unserer ist oder wo wir in Goa übernachten. So unvorbereitet war ich nicht mal vorm Religionstest in der 3. Klasse.

Um die nächsten Stunden kurz zusammen zu fassen: NEIN, es gibt in ganz Mumbai kein Hotel oder Hostel, wo du, ohne dort zu wohnen, WIFI benutzen bzw. chillen kannst. NEIN, es gibt auch kein Café, wo du, ohne etwas zu konsumieren, sitzen darfst. NEIN, mit dem Rucksack bei 35 Grad 4 Stunden ohne Plan durch Mumbai zu marschieren ist nicht witzig. JA, Mission Impossible bleibt impossible und JA, wir verfluchen diesen Tag.

Irgendwann finden wir uns mit unserem Schicksal ab und fahren zum Bahnhof. Lieber am Boden auf dem Bahnsteig sitzen und warten, als noch weitere 400 Kalorien beim Mumbai Wandertag zu verbrennen. Haha und dann, ich muss noch immer lachen, finden wir am Bahnhof alles, was wir die letzten Stunden gesucht haben: Schließfächer für unsere Rucksäcke, einen Warteraum mit Chill-Couch, Klimaanlage und Internet. Danke Leben.

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Nein, kein Schloss – Bahnhof!

Einige Stunden später sitzen wir im Zug und freuen uns sooo sehr aufs Schlafen. Nach einem kurzen Pläuschchen mit unseren Nachbarn legt sich jeder ins Bettchen und – schläft nicht. Schlafen tut nämlich nur einer und zwar richtig laut. Ich kenne Schnarchen ja von Philipp und hab schon einiges gehört: regelmäßiges, rhythmisches Schnarchen, unkontrollierte Schnappatmung, Pfeifen á la kochender Teekessel, usw. Auch in jedem Hostel gibt es IMMER mindestens eine Person, die schnarcht. Aber das! Kurz hab ich gedacht, ein Nilpferd würde neben mir liegen. Bitte, nicht heute! Sogar das Schlafen wird heute impossible. Nicht mal der härteste Techno auf voller Lautstärke kann das Geräusch übertönen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: das brummende Nilpferd oder der Bass, der mir fast das Trommelfell zerplatzt.

Siebenundzwanzig wirklich lange Stunden später steigen wir in Goa aus. Mission: possible, oida! Das alles und wahrscheinlich noch viel mehr war es definitiv wert. Saftig grüne Bäume, Sträucher, Palmen. Alles blüht und wirkt lebendig. Es ist tropisch heiß und feucht und fühlt sich an wie im Dschungel. Der Himmel ist azurblau, die Sonne strahlt und füllt dich mit Energie. Paradies!

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Schöniiii 🙂

Bevor ich euch über Goa selbst erzähle, muss ich euch etwas Peinliches beichten. Aber ihr müsst mir versprechen, dass es unter uns bleibt. Vor der Reise haben wir uns zwar einen Reiseführer besorgt, ihn aber nicht gelesen. Auch während der Reise haben wir uns meistens erst mit dem Ort beschäftigt, wenn wir auf dem Weg dorthin bzw. dort waren. Naja und dann kommen wir zwei Heisln bei der Ankunft in Goa drauf: Goa ist ja gar keine Stadt, sondern ein ganzer Bundesstaat. Ahaaaa! Jeder sagt „ich war in Goa“ und niemand erzählt dir davon, dass die Strände im Norden und Süden 4 Stunden auseinander liegen. Ich sag ja auch nicht „ich war in Linz, Graz und Tirol“. Geographie: 5, setzen. Naja, wieder was gelernt!

Goa – ich nenne es das Las Vegas von Indien – ist d e r Party Place to be. Nicht nur Leute aus Australien, Europa, Amerika tanzen und trinken hier, sondern auch die Inder selbst. Zu Hause bei Papa noch eingehüllt im bunten Sari, wird das traditionelle Gewand in Goa gegen Hot Pants und Bikini eingetauscht. Weg von daheim heißt weg von Regeln, Grenzen, Verboten. Ich sag’s euch, ich hab noch nie so viele betrunkene Inder auf einmal gesehen. Man hat uns erzählt, dass hier durchschnittlich 1 Inder am Tag ertrinkt, weil sie sturzbetrunken ins Meer gehen und bei so viel Alkohol aber ganz vergessen, dass sie gar nicht schwimmen können.

The Indian Las Vegas – um das zu konkretisieren, könnte man sagen: Der Norden von Goa ist wie Malle: Party, Drogen, Alkohol. Die Strände im Süden dagegen sind eher ruhig und familientauglich. Wir starten im Norden, denn nach den letzten stressigen Tagen freuen wir uns auf ruhige Tage am Strand und wilde Nächte im Club. Unser Hostel ist DER Treffpunkt – alle kennen es, alle kennen sich, alle kommen her.

Da in Goa der Alkohol nicht versteuert wird, ist er um die Hälfte billiger, als überall sonst in Indien. Eine kleine Flasche Rum für einen Euro – ein Fest für jeden Alkoholiker. Leider sind wir viel zu sehr von zu Hause verwöhnt: wir trinken normalerweise Mittelklasse-Wein, beim Fortgehen Gin Tonic oder Vodka-Redbull. Hier haben wir die Wahl zwischen Bier, Cola mit billigem Rum oder Vodka. Schmeckt alles nach Kopfweh. Nach Cola Rum Nummer 2 befürchte ich einen Diabetes –Anfall und steige auf Wasser um. Man kann auch ohne Alkohol Spaß haben! Man kann auch ohne Spaß Alkohol haben! Ähhh, wie war das nochmal?

Gleich am ersten Abend besuchen wir eine der legendären Psytrance Partys. Falls ihr nicht wisst, was Psytrance ist, dann habt ihr nichts verpasst. Aber ich will ja, dass ihr an unserer Reise h a u t n a h teilnehmt, also bitte hier klicken und in die wilde Welt des Psytrance eintauchen.

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Ufz ufz, duz duz. Alle gehen ab.

Tanzen am Meer, die Zehen im Sand – das fühlt sich doch nach Jugend, Leben, Spaß an, oder? Nein. Ich weiß jetzt: Party am Strand ist wie Party in Wien, außer, dass du hier danach den Sand  in allen Körperöffnungen findest. Nicht cool. Während alle anderen zur Musik abgehen, als hätten sie nie was anderes gemacht, erinnern unsere Tanzbewegungen eher an einen epileptischen Anfall. Vielleicht braucht man tatsächlich Drogen, um in eine andere Welt katapultiert zu werden. Naja, uns katapultiert es nach 2 (langen!) Stunden an den Strand, wo wir den Rest der Nacht mit unglaublich tiefsinnigen Rausch-Gesprächen verbringen. Auch schön.

Weitere Erkenntnis: anderes Land, selber Rausch-Fressflash! Während wir in Wien morgens um 6 mit hängenden Augenlidern und Vodka-Fahne zum Kebapmann unseres Vertrauens torkeln und dort einen Döner mit alles bestellen, geht man hier zur indischen Omi, die dir am Strand ein Special Beach Omelette zubereitet: knuspriges Fladenbrot gefüllt mit einem Omelette mit Käse, Tomaten, Zwiebeln, Chili. Lieblings-restfett-Essen!

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Geklaut von: http://www.masalaherb.com

Etwas verkatert bewegen wir uns ein paar Stunden später Richtung Strand. Strand und Meer: ja. Schön: geht so. Hundehaufen, Müll, die Alkleichen von letzter Nacht, schmutziges Wasser, nervige Inder. Diese sind nämlich schon wieder bumdialzua und kommen im 5 Minuten Takt zu uns: Selfie? Bei aller Liebe, Leuteee! Auf die Antwort „Nein“ kommt sofort ein „Why?“ – ich frag ja auch nicht, ob ich deinen nackten Arsch fotografieren darf und wunder mich über ein nein. Blödi. Und wenn dann auch noch ein heimliches Selfie gemacht wird, ist’s vorbei. Entspannen unmöglich.

Trotzdem machen wir das Beste daraus: wir fahren zu anderen Stränden (schöner!), wir gehen fein essen (zum ersten Mal Fisch!), wir versuchen’s nochmal mit den Partys (immer noch blöd!). In unserem Hostel wird jede Nacht bis in die Morgenstunden gefeiert. Während wir um 9 Uhr morgens Richtung Frühstück spazieren, sitzen andere noch an der Bar und trinken den Absacker. Ich wiederhole: wir werden alt.

Spätestens, wenn du zum dritten Mal dieselbe Konversation mit jemandem hast, weil derjenige vor lauter Cola Rum dich und euer Gespräch vom Vortag vergessen hat, wird es Zeit zu gehen. Wir haben die Nase voll von billigen Getränken, pfuiteufel Stränden, schlechter Musik und Leuten auf Pillen. Das Leben ist zu kurz für sowas! Adios, ihr Rauschbirnen!

Wir fahren gen Süden und freuen uns – *hust* alt,alt,alt! – auf ruhige Strände und sauberes Wasser. Lieber Kindergeschrei, statt ufzufzufz. Naja, übertreiben wir mal nicht.

Zum Schluss wieder mal ein paar allgemeine Geschichten:

  1. Egal, ob der Verkäufer im Geschäft, der Kellner im Restaurant, der Schaffner im Zug: immer wieder wird uns dieselbe Frage gestellt: Where are you from? Grundsätzlich ja nett, wenn die weitere Unterhaltung nicht immer folgendermaßen aussehen würde:
  • „Where are you from?“
  • „Austria!“
  • „Aaah, Australia!“
  • „No, Austria. Europe.“
  • „Yes, yes! Australia. Kangoroo!“
  • „Nooo! Austria! Hitler.“
  • Stille.

Tja, selber Schuld.

  1. Inder sind neugierig. Und Gscheidwastln. Diese Kombination führt teilweise zu Situationen, in denen man dann in der Mitte von drei sich anschreienden Indern steht. Beispiel: man fragt einen Inder nach dem Weg zum Krankenhaus. Während er einem den Weg zeigen will, kommt ein anderer und will wissen, um was es geht. Man weiß mittlerweile eigentlich schon den Weg, trotzdem beginnt er seinen viel schnelleren Weg zu beschreiben. Kurz darauf kommt ein Dritter und gibt auch noch seinen Senf dazu: „Neiiin, der Weg ist falsch.“ – „Nein, der ist schneller.“ – „Nein, ich glaube so ist’s schneller“. Während die drei wild gestikulierend diskutieren, kommt man selber gar nicht mehr zu Wort. Hm, und welcher ist jetzt der beste Weg? Die drei Inder schreien sich mittlerweile lauthals an und wollen sich gegenseitig vom eigenen, natürlich schnellsten und besten Weg, überzeugen. Äh, hallo? Tschuldigung! Hm. Okay. Ich geh dann mal.
  1. Bei Punkt 2 sollte man weiters folgendes beachten: sollte man tatsächlich den schnellsten und besten Weg erfahren (gar nicht so leicht), glaube einem Inder NIEMALS, wenn es um Entfernungsangaben geht. 200 Meter sind alles, aber niemals 200 Meter. Es ist uns schon oft passiert, dass wir auf ein Tuktuk verzichtet haben und stattdessen zu Fuß (mit Riesenrucksack = nicht cool) gegangen sind, um schlussendlich schweißgebadet 30 Minuten später an der 100 Meter entfernten Bushaltestelle anzukommen. Geheimtipp: indische Rechenformel! Egal ob Zeit oder Entfernung: multipliziere die Angabe mal 3 und wir kommen der Sache etwas näher.

Wir hören uns bald, ihr Lieben! Bis dahin Umarmung und schönen ersten Advent! ❤

P.S: wir haben jetzt endlich eine Seite auf Facebook erstellt (Link), wo wir die neuesten Blogeinträge posten und somit nur noch die Leute darüber informiert werden, die unsere Seite liken. Außerdem laden wir hier, für alle, die nicht auf Instagram sind (wir wollen ja niemanden dazu zwingen 😉 ) immer dieselben Bilder hoch. Ich weiß, wir sind so nett. Also gleich auf Gefällt mir klicken und an alle Menschen dieser Welt weiterleiten.

P.P.S: Immer werden wir als Weiße bezeichnet. Ehrlich gesagt, finde ich das sehr diskriminierend. Ich sag ja auch nicht „die Gelben“ zu den Chinesen. Pah! Und außerdem: wer ist hier weiß? Braun gebrannt bin ich!

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Braun gebrannt mit Kokosnuss. What a life!

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