Urlaub vom Urlaub.

Okay. Dass wir schon im Norden Goas dachten, wir hätten das Paradies gefunden, war eindeutig eine Lüge. Wir mussten schnell feststellen, dass der Strand und das Meer in Wirklichkeit gar nicht so hübsch aussehen wie auf den Bildern im Reiseführer. Betrug!

Hier im Süden, genau genommen in Palolem, haben wir’s jetzt aber gefunden, das Paradies. Jap. Definitiv.

Am ca. 3 km langen Strand steht eine Strandhütte nach der anderen. Hier hat man die Wahl: ganz einfache Strandhütten mit Bett und Bad ohne Meerblick (ab ca. € 9,- pro Nacht pro Hütte) oder aber ein luxuriöses Häuschen mit Klimaanlage, Fernseher und Aussicht auf’s Meer (ab ca. € 25,- pro Nacht pro Hütte).

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Wir entscheiden uns für die preiswertere Variante (€  11,- die Nacht) und sind überdrüberhonigkuchenpferdchenfroh! Bzgl. Unterkunft waren wir schon immer sehr genügsam: man verbringt ja sowieso kaum Zeit dort, außer für duschen und schlafen. Also lieber hier Geld sparen und dafür geileres Essen, mehr Kaffee und ein Biertschi mehr. Abgesehen davon hat unsere Hütte alles, was das Backpackerherz begehrt: Riesenbett mit Moskitonetz, fließend Wasser, richtige Toilette, Veranda mit zwei Stühlen und Aussicht auf’s Meer. Wir haben in den letzten Wochen eindeutig schon schlechter geschlafen. Ich mein Veranda! Wenn das kein Luxus ist! Das hab ich ja nicht mal zu Hause!

Wenn man nicht wie wir ein Jahr (hoffentlich!) und deswegen immer low budget unterwegs ist, sondern hier bloß den Sommerurlaub verbringt, kann man hier leben wie ein König. Während wir immer darauf achten, unser tägliches Budget nicht zu überschreiten und deswegen günstig essen gehen, günstige Unterkünfte buchen, wenig bis gar nicht shoppen, etc., könnte man hier für € 15,- die Nacht in den schönsten Strandhäusern schlafen und für € 6,- den besten Fisch genießen. Für ein kleines Bier bezahlt man umgerechnet etwa 50 Cent – was ja im Urlaub auch kein unwichtiger Faktor ist. Man will sich schließlich auch mal volllaufen lassen. Falls ihr also noch keine Destination für den Urlaub 2017 habt: Buchen und Kommen!

Unser Aufenthalt ist natürlich keineswegs weniger schön, nur weil wir auf Luxus und Schickimicki verzichten. Unsere ohnehin nicht sehr hohen Ansprüche haben wir in den letzten Wochen nochmals herunter geschraubt: wir sind mit ganz wenig zufrieden, genießen ein kleines Bier oder einen Schokoriegel doppelt so sehr und sind trotz weniger Luxus auch nicht unglücklicher. Haha, wir sind schon so Hippie. Peace und Love ist alles, was man im Leben braucht.

Zurück zu unserer Strandhütte: immer noch der Wahnsinn. Das Schönste ist, wenn man nachts im Bett liegt und mit dem Meeresrauschen im Hintergrund einschläft. Tschhhh…tschhhhh (=Meeresrauschgeräusch). Sehr beruhigend. Weniger beruhigend ist die Tatsache, dass uns andere Leute erzählt haben, dass es sein kann, dass Ratten in die Hütten kommen. Sarah’s Albtraum. Da wir am Nachmittag noch Obst bzw. Snacks gekauft haben, verstecken wir alles weiiiit weg von unserer Hütte. Somit legen wir die Ratten rein und locken sie wo anders hin. Tha, wir sind so klug! Jedes Loch stopfen wir mit Socken zu, vor jedem Spalt wird ein Rucksack, eine Tasche, ein Buch platziertt. Sobald es Nacht wird hört man auch schon das Krabbeln auf dem Dach. Mamiiii! Irgendwann siegt die Müdigkeit. Dank sei Gott.

Am nächsten Morgen ist unser Sackerl weg. Oh mein Gott, die Ratten hier fressen sogar Plastik! Kurz darauf klärt uns jemand von der Baufirma auf: neben uns werden noch Hütten repariert und es könnte sein, dass jemand von den Arbeitern die Lebensmittel genommen und zu seiner Familie gebracht hat. Karma hat hoffentlich kein Verfallsdatum? 🙂 [Nachtrag.: später erzählt uns ein Inder, dass die „Ratten“ auf den Palmen wohnen. Äh, was? Bis wir dann irgendwann checken, dass die gar nicht von wirklichen Ratten sprechen, sondern von Eichhörnchen! Hahaha, also Ratten im Plüsch-Kostüm!]

Palolem ist definitiv unser Urlaub vom Urlaub. Ob ihr’s glaubt oder nicht, aber so eine Reise ist manchmal sehr anstrengend. Den ganzen Tag herumlaufen, packen, nächste Stadt, 4 Stunden Schlaf, sightseeing, wieder packen, wieder weiter. Nicht, dass wir jetzt Mitleid von euch brav arbeitenden Leuten erwarten, aber die Reise hat wirklich nichts mit entspanntem Strandurlaub zu tun. Daaarum sind wir so so froh, hier zu sein: einfach mal den ganzen Tag nichts tun (ich hab nie gedacht, dass ich das je sagen werde!)! Wie ein altes Ehepaar liegen Philipp und ich auf unseren Sonnenliegen und beschäftigen uns mit Kreuzworträtseln (echt jetzt!). Alle 30 Minuten bewegen wir uns abwechselnd ins Wasser oder ins Restaurant. Am Abend chillen wir mit den anderen auf der Veranda und trinken Bier. What a life! Genauso stell ich mir die Pension vor, haha!

Zwischendurch gehen wir Philipps neuer Leidenschaft nach und fahren mit dem Scooter zu einem anderen Strand. Das Paradies, schon wieder! (Wir finden jeden Tag ein neues!) Traumhaft schön, keine Leute, nur wir und 5 Mio. Sandkörner.

Am nächsten Tag leihen wir uns ein Kanu aus und erkunden die anderen Strände. Die Paddel und ich waren circa so harmonisch wie ein 3-jähriges Kind mit chinesischen Stäbchen. Karriere als Kanufahrerin kann ich definitiv ausschließen. Trotz Muskelkater borgen wir uns einen Tag später Räder aus und erkunden die Gegend.Eigentlich waren wir eh mega sportlich! Baba schlechtes Gewissen. Pah.

Um uns die verbrannten Kalorien wieder rauf zu (fr)essen, lassen wir es uns hier essenstechnisch richtig gut gehen: frischer Fisch, Garnelen, Calamari – alles, was das Herz begehrt. Da wir ja nun schon einige Wochen hier sind, dachten wir, dass wir mittlerweile absolute Profis sind, wenn es um indisches Essen geht. Sogar so Profi, dass wir die Namen auf Hindi kennen und ohne Probleme bestellen können. Im Süden angelangt merken wir schnell, dass uns alles, was wir bisher gelernt haben, absolut nichts bringt: komplett andere Gerichte, andere Namen, sogar andere Getränke. Außer Coca Cola. Das gibt’s überall. [Anm.: In ein paar Tagen folgt auf Wunsch eines Followers ein Eintrag über indisches Essen, deswegen will ich nicht mehr verraten. 🙂 ]

Da denkst du, es ist zu schön, um wahr zu sein – und dann passiert das:

Die Regierung erklärt in der Nacht zum 9. November ohne Vorwarnung alle Banknoten im Wert von 500 und 1000 Rupien für ungültig. Neue Noten bekommen nur diejenigen, die ihr Geld vorher auf ein indisches Konto einzahlen. Die Regierung hat sich zu diesem Schritt entschieden, um damit die Korruption einzudämmen und dem Schwarzmarkt den Kampf anzusagen. Laut Schätzungen sind in Indien zwischen 160 Milliarden und 1,6 Billionen (!!!) Euro an Schwarzgeld im Umlauf. Da Indiens Wirtschaft zu 90 Prozent auf Bargeld basiert, kann man sich vorstellen, was die drastische Bargeldreform für Indien bedeutet.

Vor allem die Ärmsten trifft es am schlimmsten: sie verfügen nicht einmal über die Papiere, die für einen Währungstausch notwendig wären (Pass, ID Card). Und viele der Bauern haben kein Bankkonto. Auch wir haben natürlich mit dem Problem zu kämpfen, alles läuft schleppend und es kommt zu folgenden Problemen:

  1. Bevor man überhaupt über die Bargeldreform diskutiert, muss man allein die Tatsache, dass es in Zukunft keine 1000-, dafür aber 2000-Rupie-Scheine geben wird, kritisieren. Als hätte man nicht sowieso schon Probleme damit, mit 500 oder 1000 Rupien zu bezahlen („Sorryyyy, no change“) – für was in aller Welt braucht man eine noch höhere Banknote??? Das wäre so, als würde ich dauernd bei Mc Donalds einen Cheeseburger um 1 Euro mit einem 200 Euro Schein bezahlen wollen.
  2. Obwohl man die alten Scheine noch bis einschließlich 31.12.2016 wechseln kann, wollen die meisten Restaurants, Unterkünfte, Reiseagenturen, etc. die Scheine nicht mehr annehmen (obwohl von der Regierung aufgefordert!) Sprich – wir haben zwar Geld, können damit aber nichts konsumieren. Also müssen wir die ungültigen Scheine bei der Bank wechseln. Jede Bank bekommt allerdings pro Tag nur eine gewisse Anzahl neuer Scheine. Heißt: first come, first served. Menschen warten Stunden vor den Banken, überall herrscht Chaos. Teilweise steht man über 2 Stunden an, um dann zu erfahren, dass es keine Scheine mehr gibt.
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Warten, warten, warten. Aber immerhin mit Stuhl und Buch.
  1. Wir haben das Glück, dass wir tatsächlich unsere ungültigen Scheine wechseln können, weil wir bereits 2 Stunden vor Öffnungszeit vor der Bank warten. Man darf allerdings maximal 4000 Rupien umtauschen und alle Daten werden aufgenommen, DENN – man darf bei jeder Bank nur einmal seine Scheine wechseln. Aaaha. Insbesondere in ländlichen Gegenden mit geringer Bankendichte ist das klarerweise ziemlich blöd.
  2. Wenn man dann schließlich seinen 2000 Rupie-Schein in der Hand hält und im Restaurant damit bezahlen will, kommt es anschließend zu folgenden Problemen: entweder, wie in Punkt 1 geschildert, fehlt das Wechselgeld. Oder, wenn sie rausgeben können, bekommt man die alten ungültigen Scheine. Wir zahlen also mit den frisch gewechselten 2000 Rupien für ein Essen im Wert von 500 Rupien und bekommen im Anschluss als Wechselgeld wieder 3 alte 500 Rupie-Scheine. Somit schließt sich der Teufelskreis und wir können uns mit dem Geld erneut bei der Bank (einer anderen!) anstellen.
  3. Eine andere Möglichkeit wäre natürlich, das Geld einfach beim Bankomaten abzuheben. Tja, allerdings ist JEDER Bankomat leer. Die Umstellung der Geldautomaten dauert anscheinend zwei Wochen. Toll.
  4. Also: wie kommen wir zu Geld? Wie können wir unser Essen und unsere Unterkunft bezahlen? Wir haben gehört, dass es bei manchen Reiseagenturen möglich ist, die Scheine zu wechseln und/oder mit der Kreditkarte Geld abzuheben. Ironischerweise hat sich hier erst recht ein Schwarzmarkt entwickelt: entweder die alten Banknoten werden mit 20 Prozent Abschlag gehandelt oder sie verlangen 10-15 % Provision bei der Bargeldbehebung.
  5. Schließlich haben wir unsere Notfalls-Dollar, die wir von zu Hause mitgenommen haben, getauscht und können so zumindest ein paar Tage überleben.
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Der neue lila Monopoly Schein.

Die Bargeldreform in Indien belastet nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern auch uns und unsere Nerven. Jeden Tag mindestens 3 Stunden vor einer Bank oder in einer Wechselstube zu verbringen und ständig Geldsorgen zu haben ist natürlich nicht das, was man sich unter einer ausgelassenen Reise vorstellt. Alle sind genervt, die Stimmung ist am Boden. Wir haben sogar kurz überlegt, Indien früher zu verlassen. Allerdings haben wir ja bereits unser Yoga & Meditation Retreat ab 1.12. gebucht und noch einen weiteren Termin fixiert: ein Tattoo für uns!

Ein Souvenir für die Ewigkeit aus Indien auf unserer Haut – was gibt es für ein besseres Andenken! Wir haben im Norden Goas einen ziemlich coolen und vor allem begabten Tätowierer aus Belgien kennen gelernt. Wir haben ihm gesagt, was wir gerne hätten und wie wir uns unser Tattoo ca. vorstellen, worauf er uns dann das Design gezeichnet hat. Wir wollten allerdings vorher noch ein paar Tage mit schwimmen und bräunen verbringen, bevor wir uns tätowieren lassen. Danach soll man ja für einige Zeit Meer und Sonne meiden.

Also sind wir mit dem Bus (bzw. 4 verschiedenen Bussen – bei einer Dauer von 3,5 Stunden) wieder in den Norden gefahren. Obwohl wir jetzt wirklich schon lange hier sind – die lokalen Busse sind jedes Mal auf’s Neue eine Herausforderung. Zu viele Leute, zu wenig Sitzplätze, zu heiß, zu schwerer Rucksack. Uff. Auch wenn man einen Sitzplatz ergattert, ist es zu eng und man kann kaum atmen. Die Sitzplätze sind eindeutig für den zarten Körperbau der Inder gemacht: während sich 2-3 Inder die Bank teilen, nimmt Philipp eine Bank für sich alleine in Anspruch. Tja, er ist halt ein Hulk.

Nach den letzten zauberschönen Tagen im Süden mögen wir den Norden noch viel weniger. Es ist grauslich schwül, die Luft drückt, auch ohne Bewegung ist man klitschnass. Die Leute sind immer noch betrunken und es riecht nach Festival. Nur das Tattoo und dann so schnell wie möglich flüchten.

Wir besuchen Baptiste (Tätowierer) in seiner Bude, wo wir auch tätowiert werden. Auf der Couch. Aber wie sagen die Kids heutzutage immer: #yolo, haha. Ich komm als Erste dran und bin ganz schnell fertig.  Dann ist Philipp an der Reihe – sein erstes Tattoo! Ich glaub, ich bin aufgeregter als er. Umsonst, denn er hält brav durch und hat nicht mal geweint. Fad.

Bevor wir den Bus nach Hampi (nächster Ort) nehmen, versuchen wir noch ein paar Tipps von den anderen Backpackern für den Süden zu bekommen. Als wir uns über eines unserer zukünftigen Ziele unterhalten und fragen, ob es wert sei, dorthin zu fahren, bekommen wir eine sehr kluge Antwort: „Warum ist das wichtig? Erstens muss es nicht zwingend heißen, dass es dir auch gefällt, nur weil es mir gefällt. Und auch, wenn es dir nicht gefällt – es bleibt für immer eine, nein, deine Erinnerung. Sammle Erfahrungen, Momente, Eindrücke, erlebe so viel wie möglich – egal, ob gut oder schlecht, du wirst dich immer daran erinnern und auch in 20 Jahren noch darüber sprechen. Genau das macht das Reisen aus, und nicht, dass man nur unglaublich schöne und tolle Momente erlebt.“ Wo er Recht hat. Auf einer Skala von 1 bis 36: 36 Punkte für Weisheit.

Ein paar Stunden später sitzen bzw. liegen wir im Bus Richtung Hampi. Ich bevorzuge ja eigentlich den Nachtzug, weil… Bus in der Nacht ist genauso schlimm wie Bus am Tag, nur halt in der Horizontalen. „Au. Autsch! Kann der aufhören zu hupen? Mir ist heiß. Es ist zu laut. Ich kann nicht einschlafen. Au. Ich hasse den Busfahrer.“

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Aber dafür Doppelbett. Als ob man in solchen Momenten kuscheln möchte.

 

Adios und pfiat god ihr Liebis!

PS: Seit dem zweiten Tag unserer Reise, mittlerweile bereits 10 Wochen, reisen wir mit Sam (zwischendurch waren wir ein paar Tage getrennt). 10 Wochen, teilweise 24 Stunden zusammen, lustige und traurige Erlebnisse – das schweißt natürlich zusammen. Deswegen sind wir umso trauriger, dass Sam uns nun endgültig verlässt und in Europa weiterreisen wird. Aber – this is not a goodbye – er hat uns zu sich nach Hause eingeladen, also sehen wir uns bald in Tasmanien wieder! Yippiiie! Sam, wir wünschen dir nur das Beste! Fang dir nichts ein und bis ganz bald ❤

 

2 Kommentare zu „Urlaub vom Urlaub.

  1. Na aber Hallo! Hört sich ganz so an, als ob diese No-Cash-Richtlinie es Reisenden sehr schwer gemacht hat. Ich wusste zwar von dieser Richtlinie, hatte aber nicht damit gerechnet, dass sie Touristen so schwer trifft. Ich werde mir das mit Sicherheit merken.

    Vielen Dank,

    Thomas von http://money-changer.net/de

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