Flintstones und Dschungelbuch.

Ich bin krank. Wieder mal. Hab was Falsches gegessen und jetzt lieg ich zusammengekauert in Embryo-Stellung im Bett mit Bauchkrämpfen und fieberartigen Schweißausbrüchen. Ich mein, wundern darf man sich darüber eh nicht. Ich stopf auch wirklich alles in mich hinein, was mir unterkommt, obwohl jeder westliche Reiseführer davor warnt: Salat, Obst, Street Food an den dunkelsten Ecken. Dass das Öl wahrscheinlich schon seit 3 Wochen nicht mehr gewechselt worden ist, daran denke ich immer erst dann, wenn ich vor Bauchweh gar nicht mehr weiß, wie ich liegen soll. Aber wenn’s doch so gut schmeckt! Ich bin ein Fresssack, mein Appetit ist stärker als mein Verstand. Das hab ich jetzt davon.

Ich hab mir auch nie gedacht, dass ich das jemals sagen werde, aber mir fehlt Salat! Meine Mama zum Beispiel mischt Essig mit Öl und trinkt diese Brühe dann zum Essen, wenn sie keinen Salat daheim hat. Diese Leidenschaft hab ich anscheinend geerbt. Da will man sich einmal gesund ernähren und dann passt’s auch wieder nicht.

Gott sei Dank wohnen wir in einem gemütlichen, ruhigen Gästehaus außerhalb der Stadt. Da kann man gut krank sein. Die ersten zwei Tage in Hampi sehen wir deswegen genau unser Schlafzimmer und den Aufenthaltsraum. Immerhin konnten wir so die Tage für’s Organisieren nutzen: Flug und Visum buchen, Blog schreiben, Reiseführer lesen. Muss man ja auch irgendwann machen. Ich seh ganz genau eure vorwurfsvollen Blicke: das gibt’s doch nicht, man kann doch nicht in eine neue Stadt kommen und erst mal zwei Tage nichts tun und nichts von der Stadt sehen! (Nämlich wirklich gar nichts. Nicht mal raus, nicht mal ein bisschen, nicht mal fast.) Doch ich muss euch enttäuschen: DOCH, kann man! Genauso wie man daheim mal Sonntage im Pyjama auf der Couch mit Pizza und Netflix verbringt, kann man auch hier den ganzen Tag im Joggingheidl herumranzen und abends Film schauen. Feels like home ❤

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Das Bild spiegelt unsere Tage perfekt wider: Hängematte und chillen.

Zu unserem Gästehaus zu kommen, war allerdings eine Herausforderung (wieder mal). Da bei der Beschreibung steht, dass es einen Abholdienst gibt, schreiben wir 3 (!!!) Mails, dass wir diesen gerne in Anspruch nehmen würden (da wir ja nicht anrufen können). Keine Antwort. Also stehen wir um 5 Uhr morgens in Hampi und brauchen gefühlte 2 Stunden zu unserer Unterkunft (Boot, zu Fuß, Tuktuk). Als wir ankommen entschuldigt sich der Besitzer und erklärt uns, dass er kein Englisch schreiben bzw. lesen kann. Wir haben auf unserer Reise schon einige Inder kennen gelernt, die zwar die Buchstaben nicht lesen können, trotzdem aber gut Englisch sprechen können, weil sie es sich nur durch’s Zuhören und Reden selbst beigebracht haben. Wir quatschen ein bisschen und erzählen ihm, dass wir im Dezember nach Sri Lanka fliegen. Daraufhin kommt: „Wann ist Dezember? Ich war nie in der Schule und kenne keine Monatsnamen.“ Obwohl wir in den letzten 11 Wochen schon vieles gehört und gesehen haben, sind wir in solchen Momenten immer wieder auf’s Neue baff.

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In dieser Nussschale werden wir ans andere Ufer gebracht.

Irgendwann schaffen wir es dann taaatsächlich, unsere Unterkunft zu verlassen. Poah, ist ja voll schön hier! Hampi war die mittelalterliche Hauptstadt des Hindu-Reiches Vijayanagara, ist heute aber nur noch ein kleines Dorf mit 2000 Einwohnern (kleiner als Pichl, oida!). Verstreut über Hügel und Täler liegen mehr als 500 Monumente: faszinierende Tempel, imposante Paläste, königliche Pavillons, usw. Die Ruinenstadt gehört deswegen zum Weltkulturerbe der UNESCO. Das ganze Dorf ist mit Felsblöcken übersät, überall liegen riesige Steine – sieht aus wie das Zuhause der Flintstones. Wie zum Teufel kommen diese Felsen hier her? Als hätte ein Riese mit den Steinen gespielt und sie willkürlich irgendwo liegen lassen.

Hampi ist wirklich unglaublich beeindruckend, ein Ort voll Zauber. Aber 500 Monumente auf 26 Quadratkilometer – das ist Sightseeing für Fortgeschrittene. Damit wir in kurzer Zeit möglichst viel davon sehen, machen wir eine Tempeltour. Und zwar auf dem Fahrrad (bei glühender Hitze – fragt mich nicht, wie wir schon wieder auf diese kluge Idee gekommen sind). Also radeln wir von einer Attraktion zur nächsten und unser Guide informiert uns über die jeweilige Geschichte. Meine Aufmerksamkeitsspanne dabei kann man mit der einer Fünfjährigen vergleichen. Statt konzentriert der Geschichte über den Tempel zu lauschen, bin ich mit meinen Gedanken irgendwo: zum Beispiel beim Mittagessen (was esse ich heute?), bei meiner Maniküre (ich muss unbedingt Nägel schneiden!) und bei anderen unwichtigen Dingen (ich muss mir noch ein Youtube-Tutorial über Flechtfrisuren ansehen!).

Irgendwann reißt mich der Guide aus meinem Tagtraum: „Hast du zugehört? Du wirkst nicht sehr interessiert.“ Scheiße, wieso weiß der das? Der Punkt geht an ihn. „Doch, doch! Krishna, Ganesha und so – hab alles mitbekommen!“ Traurigerweise muss ich echt zugeben: ich würde lieber freiwillig 30 Fenster putzen, als noch etwas über die Geschichte von einem Tempel zu hören. (Zu meiner Verteidigung: er hat aber auch wirklich voll ausführlich erklärt!) Ich wünschte, ich würde mich mehr für Geschichte interessieren. Ich wünschte, ich würde verstehen, warum zum Beispiel irgendwelche Vasen unglaublich wichtig und interessant sind. Ich streng mich auch immer ganz doll an und versuche, mehr Begeisterung dafür aufzubringen. Leider geht es mir aber nun mal am Arsch vorbei. Sowas interessiert mich genau so sehr wie ein Stein auf der Straße. Nicht, dass ihr jetzt glaubt, ich sei ungebildet! Wichtige geschichtliche Ereignisse, Sprachen, Geografie, Fotografie, Bücher, Popkultur, Musik, Kochen, eventuell sogar moderne Kunst – alles spannend! (Also verurteilt mich nicht!) Ich mach auch hundertmillionen Fotos, ist ja alles wirklich megaschön! Nur bitte erzähl mir nicht 45 Minuten lang darüber, wann und von wem dieser Stein gefunden worden ist.

Am nächsten Tag leihen wir uns wieder mal einen Scooter aus und wollen uns die weiter entfernten Tempel ansehen. Nach 45 Minuten tippe ich Philipp auf die Schulter: „Öööhm, weißt du noch, wo wir sind?“ – „Nein“. Gut. Verfahren. Und zwar so richtig. Steine, Wald, Hügel, keine Menschenseele. Wege, die eindeutig nichts für kleine schwache Scooter sind. Autobahn (ups). Dann durch klitzekleine Dörfer. Wir waren überall, nur nicht dort, wo wir hinwollten. In den Dörfern sind offensichtlich noch nicht so oft Weiße vorbei gekommen: alle grüßen uns, winken uns zu. Ich winke zurück. Die Kinder winken und schreien uns nach. Ich winke zurück. Irgendwann sitze ich nur noch mit hoch gehobener Hand und aufgesetztem Lächeln hinten am Scooter und winke. Ich komm mir vor wie die Queen.

3 Stunden, 60 km und 2 aufgebrannte Gesichter später sind wir wieder im Gästehaus. Jetzt erst mal 3 Liter Wasser und 2 kg After Sun.

Am Abend vor Sonnenuntergang klettern wir die vielen Felsen des Matanga Hügel hoch zum sogenannten Drum Circle. Jeden Tag um dieselbe Zeit treffen sich hier 30, 40, 50 Leute, um gemeinsam Musik zu machen. Musik- und/oder Tanzbegeisterte kommen mit ihren Instrumenten wie Trommel, Gitarre, Flöte, andere kommen, um den Sonnenuntergang mit Hintergrundmusik zu genießen. Es gibt keine Einladung, kein Plakat, jeder (der cool ist haha) weiß es einfach. Wir sitzen auf einem riesigen Felsen, haben den tollsten Ausblick über ganz Hampi, schlürfen einen Chai und lauschen währenddessen der Musik.

Update bzgl. Bargeldreform: Situation ist immer noch scheiße. Die Bankomaten sind immer noch leer, die Gebühren für’s Geld wechseln werden immer höher. Wir fühlen uns irgendwie verarscht. Indien, du machst es uns nicht leicht, dich (trotzdem) zu lieben. Wir verbringen wieder mal einen ganzen Vormittag mit der Suche nach Geld. Beim Ticketkauf für die nächste Zugfahrt zieht uns einer über den Tisch und wir bezahlen viel mehr, als wir sollten. Ich bin körperlich immer noch nicht ganz fit und fühle mich kaputt. Irgendwann stehe ich mitten auf der Straße und – was ich euch jetzt sagen werde, muss für immer und ewig unter uns bleiben – weine. Ein Anfall der Sorte heul-wut-wein-schrei-ich-will-nicht-mehr-warum-ist-das-leben-so-gemein. Kennen wir alle, oder? Ich bin ja normalerweise nicht so die Heulsuse, aber im Moment überfordert mich einfach alles. Ich will hier weg! Ich will wieder ins schöne, organisierte, bürokratische, korrekte Österreich. Ich will heim, in mein Bett, mit Kakao und Kuschelsocken. Ich weine und jammere (laut) vor Wut, wie ungerecht nicht alles ist. Und Philipp so: „Schrei nicht so laut! Die glauben noch, wir haben eine Beziehungskrise.“ Oida.

[Weinen hilft. Philipp hat mich ganz fest geknuddelt und sich wie ein Vorzeige-Freund rührend um die kranke Sarah gekümmert. Nach dem kurzen Auszucker geht’s wieder. Ich will gar nicht heim.]

Bevor wir uns weiter in den Süden bewegen, wollen wir uns noch eine Tasse Kaffee im netten Restaurant mit Dachterrasse gönnen. Die Kellnerin bringt uns die Speisekarte und einen langen Holzstock. Was geht jetzt ab? Sadomaso-Café? 2 Minuten später wissen wir den Grund: auf dem Dach, auf dem Geländer, auf der Terrasse – überall klettern und kraxeln die Affen herum. Och, süüüüß, meint ihr? Bei aller Liebe: NA! Die schauen vielleicht plüschig und flauschig aus, sind aber frech und fies und gefährlich. Sie stehlen alles, was sie in die Hände bekommen und solltest du ihnen das (DEIN!) Ding wieder aus der Hand reißen, fletschen sie mit den Zähnen und fauchen dich an. Während wir noch perplex dastehen, kommt schon die Kellnerin daher und zertrümmert mit dem Stock das halbe Haus, um die Affen zu vertreiben. Gemütlicher Kaffee ist dann wohl eher nicht so.

Nachdem wir uns den heißen Kaffee runter geschüttet haben (gemeine Affen und Karate-Kellnerin waren nicht so einladend) sitzen wir schon wieder im Bus. 12 Stunden hup hup, wackel wackel. Danach warten wir 5 Stunden am saubersten Bahnhof der Welt auf unseren Zug. 7 Personen kehren, schrubben, putzen, wischen ununterbrochen. Als dann auch noch die Kehrmaschine bei uns vorbeifährt, haut’s uns fast vom Sessel! So sauber wie der Boden sind ja nicht mal die Tische in den Restaurants!

Die sieben Stunden im Zug versuchen wir vergeblich zu schlafen – was letztens der schnarchende Brummbär war, ist dieses Mal der Essensservice. Einschlafen – aufgeweckt werden – Frühstück. Einschlafen – aufgeweckt werden – Mittagessen. Einschlafen – aufgeweckt werden  – oidaaaa! Kann sein, dass gleich jemand heißes Curry im Gesicht kleben hat.

Kochi liegt im Norden des Bundesstaates Kerala. Dass die Stadt lange Zeit unter portugiesischer Kolonialherrschaft stand, spürt man auch heute noch, wenn man durch das Zentrum spaziert: die Häuser, die portugiesische Küche, die engen Gassen – alles erinnert an unseren Portugal-Urlaub im letzten Jahr.

In Kochi sehen wir außerdem mehr Kirchen, Jesus-Figuren und Kreuze als in Österreich (okay, ein bisschen übertrieben). Lt. Wikipedia leben in Kerala über sechs Millionen Christen, der Bundesstaat beherbergt somit die größte christliche Population aller indischen Bundesstaaten. Heißt das, wir bekommen hier ein Steak?

Kerala stellt mit seinen sogenannten Backwaters schon lange ein beliebtes Urlaubsziel sowohl für einheimische als auch für ausländische Touristen dar. Die Backwaters sind ein verzweigtes Wasserstraßennetz und umfassen 29 Seen und Lagunen, 44 Flüsse sowie insgesamt rund 1500 km lange Kanäle und natürliche Wasserstraßen.

Die beste Möglichkeit, die Backwaters bestaunen zu können, ist natürlich eine Bootstour. Also sitzen wir am nächsten Tag mit 20 anderen Touristen in einem Bambusboot und schippern durch die Kanäle. Das Boot wird allerdings nicht von einem Motor angetrieben, sondern vom „Fahrer“ durch einen Bambusstock vorwärts bewegt. Die Bootstour zählt definitiv zu meinen Highlights bisher: egal wohin ich schaue – Idylle pur. Links und rechts wuchern die Bäume und die Sträucher – ein dichter Dschungel aus ungebändigtem Grün.

Am Boot ist es mucksmäuschenstill. Man hört nur das Zwitschern der unterschiedlichen Vögel, das Summen der Moskitos und das Plätschern des Wassers beim Eintauchen des Bambusstockes. Im schimmernden Wasser spiegeln sich die Palmen. Langsam bewegen wir uns weiter, es fühlt sich an, als würden wir schweben. Obwohl ich mir den Anblick mit 20 anderen Menschen teilen muss, fühlt es sich an, als wäre ich alleine. Das hier ist der perfekte Ort, um die Vielfalt der Natur zu bestaunen: auf den hängenden Ästen sitzen die kunterbuntesten Vögel, an der Wasseroberfläche schweben riesige Libellen, die Schmetterlinge heben sich mit ihren farbenfrohen Mustern vom saftigen Grün der Pflanzen ab. Der Anblick ist magisch, unbeschreiblich, einzigartig. Die Bootsfahrt ermöglicht uns auch einen kleinen Einblick in das Treiben der Einheimischen an den Ufern. Wir legen an und bewundern die hier wachsenden Gewürze: Nelken, Muskatnuss, Zitronengras, Zimt. Es riecht wie aus einem Kochtopf.

Die Fahrt durch die Backwaters fühlt sich an wie eine Szene aus Das Dschungelbuch. Nur Mogli hat noch gefehlt.

Die bezaubernden Backwaters kann in Kochi von nichts anderem mehr übertrumpft werden, daher stehen wir den Tag darauf wieder auf dem Busbahnhof und fahren weiter in den Osten Keralas nach Munnar. Bevor es losgeht, besorgen wir uns noch einen kleinen Snack. Wir wundern uns noch über den außerordentlich köstlichen Veggie Burger – „Mmmmmh, ich glaub, da ist Tofu drin! – bis wir auf der Rechnung „Chicken Burger“ lesen. Hauptsache ich sag‘ dem Kellner noch, dass wir Vegetarier sind, als er mir das Hühnchen empfiehlt. Na eh – Chicken – Veggie – eh alles dasselbe. Kann ja mal passieren. Nicht, dass wir ein großes Problem damit hätten, aber stellt euch vor, das würde „richtigen“ Vegetariern passieren. Die speiben ja das Hendl gleich wieder raus, haha.

Hendl hin oder her – wir sind auf jeden Fall schon wieder unterwegs. Ihr hört von uns, bis baaaald!

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