Neuseeland braucht kein Photoshop.

(Wir sind zwar wieder daheim, allerdings gibt es noch eiiiniges zu erzählen. Und da wir euch alle ja nicht sofort sehen, könnt ihr bis dahin alles hier nachlesen! Einfach hinsetzen und vorstellen, dass wir noch gaaanz weiiiiiit weg sind.)

Weiter geht’s!

Wir waren bei Edoras, dem Königreich von Mittelerde und der Tatsache, dass ich ein Nerd bin. Denn JA, ich gebe es offen und ehrlich zu: ich bin ein riesengroßer Herr der Ringe-Fan!  Aber das war nicht immer so… Wie immer – Anti-Sarah bzw. Little Miss Anti halt – war ich eine der wenigen, die den Film lange nicht gesehen hat. Ich hab mich schlicht und einfach geweigert. Das anschauen, was alle anderen anschauen – naaaa. Auf Filme, die in den großen Kinos gespielt werden, kann ich verzichten: amerikanische Komödien? Bäääh. Seichte Liebesfilme? Nochmal bäääh. Und mit sowas wie Fantasy konnte ich sowieso noch nie was anfangen. Irgendwie hat mich das immer an super creepy 40-jährige Männer erinnert, die noch immer bei Mama wohnen und in ihrer Freizeit mit Magic Karten spielen (nichts gegen euch). Ich hab also unterm Strich die ganze Aufregung bzgl. Herr der Ringe nie verstanden.

Und dann war da Philipp, der vor 2 Jahren ein paar Mal erwähnt hat, dass er den Film uuuunbedingt  mit mir schauen möchte. Ich sag`s euch, ich war ca. so interessiert wie meine Oma an Instagram – nämlich gar nicht.

Aber ihr wisst ja wie das am Anfang einer Beziehung so ist: da muss man lieb und interessiert tun. (Sonst merkt der ja gleich, wie ich wirklich bin, haha!).

Eine Pizza und 10 abgebissene Fingernägel später war’s vorbei mit mir. Ich war so beeindruckt und überwältigt und fasziniert und SÜCHTIG. Ja, vor allem süchtig. Und so haben wir uns in 3 Tagen alle drei Teile reingezogen. Die volle Dosis. Ich weiß nicht, ob es wirklich noch Menschen gibt, die die Filmtrilogie noch nicht gesehen haben (WER ZUM TEUFEL HAT DIE NOCH NICHT GESEHEN?), aber falls doch: sofort anschauen! Ich schwöre, ihr werdet es nicht bereuen!

Soviel zur Vorgeschichte. Und wie ihr wahrscheinlich auch wisst, wurden die drei Filme in Neuseeland gedreht. Der Filmproduzent Peter Jackson, mein persönlicher Held, hat über 150 Drehorte dafür genutzt. Anscheinend hat die neuseeländische Regierung zwar verboten, diese Orte zu vermarkten oder zu kennzeichnen, um die neuseeländische Natur zu schützen. Dank dem Internet und Nerd-Foren weiß man natürlich trotzdem, wo welche Szenen gedreht wurden. Naja und wenn man schon mal in Neuseeland ist, muss man diese Gelegenheit nutzen, um zumindest einige der Drehorte live zu sehen.

 

Wir fahren und fahren, irgendwann verabschieden wir uns von der asphaltierten Straße, hinter uns die Staubwolke. Kein Handyempfang und die nächste Stadt liegt 85 Kilometer entfernt. Das Ende der Welt, schon wieder!

 

Ich habe gelesen, dass Neuseeland quasi vom Tourismus lebt. Jedes Jahr steigt die Zahl der internationalen Urlauber, im vergangenen Jahr (2016) waren es 3,5 Millionen (Quelle: spiegel.de). Nicht wenig, wir fragen uns nur: wo sind die alle, heast?

Kein Campingbus, kein Wohnmobil, kein Auto, keine Touris. Irgendwie hab ich mir das anders vorgestellt. Wo sind die ganzen Herr der Ringe-Nerds mit Gollum-Maske oder Gandalfkostüm und dem EINEN Ring? Ich hab mir gedacht, dass das ähnlich wie beim Justin Bieber Konzert ablaufen wird: alle schreien und kreischen und fallen in Ohnmacht, weil sie endlich das sehen, worauf sie ihr Leben lang gewartet haben. Ich hatte mir zwar mehr Action und Drama gewünscht, bin aber eigentlich ziemlich froh, dass wir ganz alleine hier sind.

Was man in Neuseeland ganz schnell lernt, ist: es geht immer schöner.

Ich hab ja schon so viel geschwärmt und euch erzählt, wie begeistert wir sind. Aber die Landschaft hier übertrifft schon wieder alles bisher. Wir sind noch immer/schon wieder so beeindruckt. Schon wieder dieses „Irgendwo im Nirgendwo“-Gefühl. Einmalig. Nicht vergleichbar.

Auch wenn man immer wieder hört „Warum man denn eigentlich so weit fliegen muss (von Österreich aus sind es immerhin ein paar Stündchen), um etwas zu sehen, dass es in Österreich auch gibt: Berge, Seen, Natur.“ Stimmt schon, haben wir auch alles. Und ja, ist auch wunderschön. Und trotzdem ist es anders. Es ist diese Unberührtheit.  Weit und breit kein Haus, kein Mensch, kein gar nichts. So, als wäre hier noch nie jemand zuvor gewesen und so, als wären wir allein auf der Welt. (Eigentlich ein gruseliges Gefühl.)

 

 

Zurück zum Mount Sunday: da steht er, mitten drin, umgeben, nein eingekreist von Bergen. Der karge Hügel (Berg wäre wirklich übertrieben) diente wie gesagt als Kulisse von Edoras. Das Filmset (dessen Bau übrigens ganze neun Monate in Anspruch nahm), steht zwar mittlerweile nicht mehr, doch die Magie dieses Schauplatzes ist noch deutlich zu spüren.

DSC03611
Da ist er – Mount Sunday in seiner vollsten Pracht! (Ja, das kleine Hügelchen vor den riesigen Bergen.)

Wir sind wie in Trance. Ist das echt oder ein Pappkarton? Träume ich? Oben am Hügel drehen wir uns – nach links, nach rechts, 360 Grad im Kreis. Immer wieder blitzen kurze Film-Sequenzen in unseren Köpfen auf. Wir schauen hinunter in die Weite und sehen die bösen Orks den Hügel rauf laufen.

 

Meine Kamera raucht, zu viele Bilder in zu kurzer Zeit. Auch, wenn wir uns eigentlich nicht satt sehen können, müssen wir schließlich doch los und fahren zum Campingplatz. Immerhin ist es schon relativ spät und im Dunkeln über die Holperstraße und dann auch noch den Campingplatz finden – naja. Nicht, dass ich das mit meiner megaguten Navigationsfähigkeit nicht schaffen würde.

Tatsächlich, als hätte ich es geahnt, haben wir wirklich Probleme damit, den Campingplatz zu finden. Mit der Straßenkarte hab ich’s schon aufgegeben und auf unserer Offline-Map sind nicht mal mehr Straßen eingezeichnet. Angeschrieben ist sowieso nichts. Wir geben nicht auf und fahren weiter. Vorbei an Feldern, über gefühlte 50 Hügel, vorbei bei den Schafen, die uns so verdutzt ansehen, als hätten sie noch nie ein Auto oder Menschen gesehen.

Als wir den Campingplatz finden, überrascht es uns nicht, dass er nicht eingezeichnet war: eine 50 Meter breite Wiese und ein uraltes Plumpsklo. Trotzdem hat sich die Suche (und das Schimpfen) ausgezahlt, denn wir stehen ganz oben auf einem Hügel und haben einen Ausblick auf zig Felder mit Millionen von Schafen.

 

Bei Sonnenuntergang mampfen wir unsere Nudeln, als Hintergrundmusik ein bisschen zwitscher zwischter und mäh.

Schon schön.

Was ich am Campen am meisten mag, ist die Tatsache, dass man für alles meistens doppelt so lang braucht als sonst. Man nimmt sich bewusst Zeit für’s Kochen und ohne Hektik wird gemeinsam alles vorbereitet. Mit nur einer Herdplatte und einem Topf kann es schon ein bisschen dauern, bis das Essen auf dem Tisch steht. Bei soviel Aufwand schmeckt’s dann gleich umso besser. Für den Abwasch muss das Wasser zuerst vom Wassertank geholt und anschließend gekocht werden. Vor dem Schlafengehen bereiten wir das Bett vor und verstauen unsere Rucksäcke bzw. die anderen Dinge. Alles dauert zwar länger, ist komplizierter und aufwändiger, dafür kann man sich bewusst und ohne Stress den Aufgaben widmen. Langsam kochen, daneben ein Biertschi trinken und quatschen. Gemütlich, alles easy peasy, ohne Druck. Ist ja nicht so, als hätten wir keine Zeit dafür.

 

Die Planung des nächsten Tages gehört mittlerweile auch schon zur abendlichen Routine. Straßenkarte, Reiseführer, Broschüren – alles wird auf dem Tisch aufgebreitet. Dann geben wir uns 30 Minuten, jeder darf recherchieren, googlen und lesen. Danach wird gemeinsam entschieden, was am nächsten Tag am Plan steht.

Ich sag’s ja immer wieder: Teamwork haben wir mittlerweile richtig gut drauf.

Am nächsten Morgen fahren wir nach dem Frühstück zu einem Gletschersee namens Lake Tekapo und machen eine Wanderung entlang des Sees.

 

Wieder – eine unbeschreibliche Naturkulisse. Da ist der Wörthersee ein Scheiß dagegen! Das Schmelzwasser vom Gletscher verleiht dem See nämlich eine derart türkise Farbe, dass wir uns schon wieder fragen: ist das echt oder retuschiert? Das Bild vor uns sieht aus, als wäre es bereits stundenlang mit Photoshop bearbeitet worden. Wieder bewundern wir die Unberührtheit: nur Natur, sonst nichts. Keine Häuser, Hotels oder Restaurants. Nur ein See. Und eine kleine Steinkirche. Und zur Abwechslung mal 2 Mio. Touristen.

 

Nach einer kleinen Jausenpause am See beschließen wir: man war nur wirklich hier, wenn man auch baden war. Gesagt, getan. Was soll ich sagen? Gletschersee, 14 Grad… unsere Nippel stehen immer noch.

Immerhin müssen wir so heute nicht mehr für die Dusche bezahlen! Sparen – können wir.

DSC03780
Jausenpauseeeee.

Am nächsten Tag fahren wir weiter Richtung Süden in eine Stadt namens Oamaru. Ein Bekannter hat uns den Tipp gegeben, dass wir unbedingt ins Steampunk-Museum gehen sollen. Da er extra betont hat, dass er sonst nicht der große Fan von Museen, dieses aber wirklich richtig genial war, glauben wir ihm. Und das war ein Fehler.

Kurz zur Erklärung: Steampunk (von engl. steam „Dampf“ und punk „mies“, „wertlos“, „Punk“) ist ein spezielles Kunstgenre bzw. hat sich mittlerweile sogar zu einer Subkultur entwickelt. Elemente des Steampunks sind beispielsweise dampf-und zahnradbetriebene Mechanik. Kennt ihr den Film Mad Max? Ich auch nicht, aber klickt mal hier, dann wisst ihr, wovon ich rede.

Tja. Zusammengefasst, in einem Wort, kurz und knapp: bäh. Dampfbetriebene Maschinen, komische Figuren in viktorianischer Kleidung, schräge Figuren. Ich versteh’s nicht. Das hab ich ca. 15 Mal wiederholt, während wir durch das Museum marschiert sind. „Da gibt’s auch nichts zu verstehen, das ist Kunst!“, meint Philipp. Ich versteh’s trotzdem nicht. Damit kann ich nichts anfangen. Mir ist langweilig, ich bin in 10 Minuten durch und genervt.

 

Was lernen wir daraus? Alles ist subjektiv! Was noch? Mein Bekannter hat einen schlechten Geschmack.

Die Innenstadt und das Hafenviertel von Oamaru sind ganz nett, aber nicht unbedingt aufregend. Viel aufregender ist der Moment, in dem wir eine Bäckerei mit Schwarzbrot finden. Schwarzbrot! Ein seltenes Gut hier in Neuseeland, denn egal ob im Supermarkt oder in den Bäckereien – Schwarzbrot gibt’s hier schlicht und einfach nicht.

Offensichtlich wird hier sogar bei den Reichen zum Bergkäse das lätschade grauslige Toastbrot aus’m Plastiksackerl serviert.

 

Da uns die Stadt nicht unbedingt umhaut fahren wir weiter zu den Moeraki Boulders. Wir haben vorher schon die Bilder gesehen und waren mega beeindruckt: ein ewig langer Strand mit großen kugelförmigen Steinen. Warum die aussehen, wissen wir nicht. Was wir aber kurze Zeit später sicher wissen, ist: in Wahrheit sind es mehr Touristen, als Steine, die man auf dem Strand trifft. Trotzdem ziemlich cool.

 

Letzter Stop heute ist der Shag Point, wo man – haltet euch fest – Seerobben beobachten kann. Und wieder kann ich was von meiner „Muss ich unbedingt sehen“-Liste abhaken.

 

Die Nacht verbringen wir auf dem größten Campingplatz eeeveeeer. Fußballfeldmäßig. Dementsprechend viele Autos/Menschen sind natürlich da. Viele deutsche Menschen vor allem. Das ist uns schon fast ungut aufgefallen, wie viele Deutsche hier unterwegs sind. Bisher haben wir – ohne Scheiß – mehr Deutsch als Englisch gehört. Weinschorlä hier, Weinschorlä da. Darum haben wir das gleich mal gegoogelt, haben aber nichts gefunden (dieses Google ist auch nicht mehr das, was es mal war). Schließlich haben wir unsere eigene Statistik aufgestellt: die meisten Touristen in Neuseeland sind aus Deutschland. Oder so.

Bisher hatten wir eigentlich richtiges Glück mit dem Wetter und konnten den Spätsommer genießen. Heute ist es schon den ganzen Tag bewölkt und am Campingplatz beginnt es auch noch zu regnen. Es ist saukalt und irgendwie ist das so ohne 4 Wände gar nicht mal sooo gemütlich. Verzweifelt verstecken wir uns in unserem Kofferraum-Zelt-Cape.

Aber wenn du denkst schlimmer geht’s nicht mehr, kommen von irgendwo die Touris mit ihrem Zelt her. Kochen im Regen, vor dem Zelteingang ein Gatsch und jeder Klobesuch wird zun Höllenwanderung. Außen nass, innen nass, alles nass. Wie war das, Philipp? Ein Zelt willst du kaufen? (Wer hatte Recht? ICH, ICH!)

 

Am nächsten Morgen fahren wir weiter in die Stadt Dunedin. Mehr dazu aber im nächsten Eintrag (Wenn das so weiter geht, schreibe ich eh noch mindestens 6 Monate, haha. Immer dieser Freizeitstress, ihr kennt das.)

PS: Unser Auto hat jetzt einen Namen: Traudi. Info zur Namensgebung: Denkt einfach mal an die mopsige Nachbarin, die immer die Katze füttert, wenn man nicht da ist. Genau so ist unser Auto: vielleicht nicht besonders schön, aber dafür super verlässlich!

In diesem Sinne: Go, Traudi, go!

Neuseeland – Liebe auf den ersten Blick.

Auto: check. Philipp und Linksverkehr: als hätte er nie etwas anderes gemacht. Bereit für 5 Wochen Roadtrip durch Neuseeland ❤

IMG_7525
Wir-haben-ein-Auto-und-es-geht-los-Selfie

Bevor es zu unserem ersten Campingplatz geht, fahren wir noch zum Supermarkt: Pak’n Save, der Metro von Neuseeland. Die Auswahl ist riesig, man könnte nicht Stunden, sondern Tage darin verbringen. Es gibt alles, einfach ALLES! Ein ganzes Regal mit Müsliriegel, ich mein, habt ihr das schon mal gesehen? Oh Gott.

Gott sei Dank kenn ich das Szenario „Sarah im Kaufrausch ohne Plan im Supermarkt“ (=alles kaufen, was in den Einkaufswagen passt. Und in die Hosentaschen. Und was man sich sonst noch irgendwie umhängen kann) und weiß, dass das eskalieren kann/wird – deswegen hab ich eine Einkaufsliste gemacht.

Ihr müsst wissen: Sarah und Listen = Liebe. Wenn ich was kann, dann Listen machen. Eigentlich sollte ich das als Stärke in meinem Bewerbungsschreiben erwähnen. Egal, ob Pro-Contra-Liste, To-do-Liste inklusive Gliederung nach Priorität und Dauer der Aufgaben, Bücherliste, Filmliste, Restaurantliste – mein ganzes Leben besteht quasi aus Listen. Ich gehöre auch zu den Menschen (gibt es noch mehr davon? ICH HOFFE!), die, wenn sie etwas erledigen, das nicht auf der Liste steht, es im Nachhinein nachtragen und abhaken. Da bin ich genau. Denn nur eine vollständige Liste ist eine gute Liste. (Ich hör mich wirklich an wie ein Freak.)

Wie auch immer. Auf jeden Fall hat alles mit einer „Was kochen wir“-Liste angefangen. Immerhin kann man nicht einfach drauf los kochen – das muss geplant und überlegt sein!  Also hab ich mich die letzten Tage (Wochen) inspirieren lassen und eine Liste erstellt. Diese wurde anschließend natürlich nochmal überarbeitet, immerhin muss man bedenken, dass wir ja Campen und höchstwahrscheinlich nicht das richtige Equipment für Quiche und Schwarzwälder-Kirsch-Torte haben werden. Anhand dieser überarbeiteten Liste hab ich eine Einkaufsliste erstellt. Ja, ohne Scheiß, ich bin wirklich so!

Also sind wir mehr oder weniger durch den Supermarkt gesprintet und waren in weniger als 30 Minuten fertig.

Ja ja… so Einkaufslisten ersparen einem vieles an Geld und Gewicht.

Nachdem wir alles verstaut haben geht’s Richtung Campingplatz. Nur: wie finden wir dorthin? Wir könnten, wie alle anderen, das Navi einschalten, die Adresse eingeben und losfahren. Wir wären aber auch nicht wir, wenn wir nicht wieder mal UNGLAUBLICH lässig und vor allem anders sein wollten – deshalb haben wir uns stattdessen, total old school, eine Straßenkarte besorgt.

20170219_085224
Wo sind wir? Wo müssen wir hin? – Ich hab keiiiinen Plan.

Irgendwie erinnert uns das beide an unsere Kindheit, wo man sich zwar immer mindestens 4 Mal verfahren hat, aber noch stolz drauf sein konnte, wenn man anschließend tatsächlich beim Ziel angekommen ist. Den Gedanken daran finden wir schön und so eine Straßenkarte hat sowieso viel mehr Stil.

Außerdem fährt man, meiner Meinung nach, so auch aufmerksamer, bewusster und nimmt die Umgebung viel mehr wahr, anstatt den Kopf auszuschalten und einfach den Anweisungen der monotonen Stimme zu folgen.

Nachdem uns Google eh schon alles im Leben erklärt, was man wissen will, schadet es auch nicht, ab und zu mal selbst zu denken. (Gscheidwastl Sarah in ihrer Höchstform!)

Um in Neuseeland Campingplätze zu finden, gibt es mehrere Möglichkeiten. Hier waren wir dann doch zu faul, um die Karte aufzuschlagen, Campingplatz zu suchen und nachzusehen, wie teuer er ist. So old school sind wir dann auch wieder nicht. Stattdessen haben wir uns für die App Campermate entschieden.

Diese App findet alles, was man für einen Roadtrip durch Neuseeland braucht: Campingplätze eingeteilt in Kategorien (Luxus Campingplätze inklusive Internet und Spa-Bereich, günstige Plätze mit einfachen Duschen und WCs, gratis Plätze nur mit WC, usw.), öffentliche Toiletten und Duschen, kostenloser Internetzugang, Tankstellen, Supermärkte, Plätze zum Wasser auffüllen, Sightseeing Tipps, und und und. Jeder Punkt kann von den Benutzern bewertet bzw. kommentiert werden, z.B. wie gut/schlecht funktioniert das Internet, wie viel kostet die öffentliche Dusche, etc. Der Erfinder von Campermate ist mein persönlicher Held, denn diese App erleichtert einem das Campen unglaublich. Und erspart einem Zeit und Ludln im Gebüsch.

Was wir schnell merken: campen = planen. Wo schlafen wir? Wo gibt’s einen gratis Campingplatz? Gibt’s dort eine Dusche? Wenn nicht, wo gehen wir duschen? Wie viel kostet das? Liegt das am Weg? Was liegt am Weg? Wie viel Wasser haben wir noch? Wo können wir Wasser auffüllen?

Man kann nicht einfach drauf losfahren und davon ausgehen, dass man abends frisch geduscht auf einem Campingplatz mit einem Bier in der Hand sitzt. Nein, nein. Das muss man sich vorher überlegen. Ihr wisst, was das heißt: organisieren und planen. PLANEN! Ich darf wieder planen! Ich darf wieder ich sein! Ich bin kurz vorm Hyperventilieren vor Freude.

Wir haben einen gratis Campingplatz gefunden: irgendwo im Nirgendwo, denn wir wollen unseren ersten Abend gleich mitten in der Wildnis verbringen, weg von der Stadt, dem Lärm, dem Chaos. Genau darauf haben wir uns so sehr gefreut: am Arsch der Welt sein. Gratis Campingplätze in Neuseeland darf man sich so vorstellen: Wiese und ein Klo. Punkt. Demnach machen wir einen auf Truckerfahrer und halten vorher noch bei einer Tankstelle, um zu duschen (überraschend sauber!).

Nachdem wir die Straßenkarte verstanden haben („Wo ist oben, wo ist unten? Das schaut alles gleich aus! Wie finde ich eine Stadt? Wie jetzt C3? Wir spielen hier nicht Schiffe versenken, Schatz!“), geht’s aber wirklich los.

Oder auch nicht. Denn schon bei Kilometer 6 schreie ich laut. „Stoooopp! Halt! Wo ist meine Kamera?!?!?“ Hektisch durchsuche ich den Rucksack, so als würde das Bild wie Wolken in ein paar Sekunden an uns vorbeiziehen und nicht mehr zu sehen sein. Diese Landschaft, diese Unberührtheit! Wir sind sprachlos – und das heißt was. Ich will es festhalten, einfangen, beweisen, warum es sich lohnt, diese vielen Kilometer hier her zu reisen.

DSC03424
Kein Photoshop, kein Filter, kein gar nix. Nur ein Land und seine unglaubliche Schönheit.

Neuseeland – da, wo du für 50 Kilometer mindestens 2 Stunden brauchst. Im Minutentakt muss Philipp rechts, äääh links ran fahren, damit ich ein Foto machen kann. Es ist einfach so schön. ZU schön, fast schon kitschig.

Wir fahren los, raus aus der Stadt und plötzlich haben wir das Gefühl, allein zu sein. Allein in diesem Land, allein auf der Welt. Eine endlos lange Straße, am Horizont schimmern die Berge. Es herrscht absolute Stille, nur das Schmatzen der Schafe, die sich über das saftige Gras freuen, beweist, dass wir nicht träumen…

…wir fahren weiter, die Straße führt durch die Berge. Und wieder ergreift uns das Gefühl dieser vollkommenen Abgeschiedenheit, obwohl wir wissen, dass das nächste Dorf nur ein paar Kilometer weit entfernt liegt. In welche Richtung wir uns auch drehen – wir sehen nur perfekt geformte Berge und Hügel in perfekt ineinander fließenden Farben.

Genau so stellt man es sich vor, genau so kennt man es aus dem Bilderbuch: diese wuchtigen Berge, der tiefblaue wolkenlose Himmel, diese einsame Landschaft am Ende der Welt.

Wir sind überwältigt, alles fühlt sich gerade richtig an und gut und schön. Das pure Glück. Wir sind begeistert, fast berührt von diesem Bild vor unseren Augen, das aussieht, als wäre es stundenlang mit Photoshop bearbeitet worden.

Ode an Neuseeland:

Wir kennen dich noch nicht lange, alles ist neu und aufregend. Wir haben Schmetterlinge im Bauch und Flugzeuge sowieso. Du bist der Grund, warum unsere Mundwinkel nach oben zeigen und der Grund, warum uns nichts und niemand die Laune verderben kann. Wir sind verliebt. Und es war Liebe auf den ersten Blick.

Trotz 1001 Fotostopps kommen wir schließlich beim Campingplatz an. Ein Campingplatz am See, im Hintergrund die dunklen Berge – wir sind begeistert. Wie immer im Leben halten wir uns aber an die Redewendung „Zuerst die Arbeit (Bett aufbauen), dann das Vergnügen (Aussicht genießen).“

Das Problem ist eigentlich weniger der Auf- oder Umbau vom Bett, sondern eher das Verstauen der Dinge. Nachdem unser Bett hinten den ganzen Platz von Rückbank und Kofferraum in Anspruch nimmt, müssen wir unsere Rucksäcke, Tisch und Stühle, Wasserkanister, usw. vorne bei den Fahrersitzen unterbringen. Und das ist gar nicht mal so einfach. Wir schlichten, Kanister rein, Rucksack drauf. Aber wohin kommt der Tisch? Verdammt. Alles wieder raus. Und das ganze wieder von vorne.

Je länger wir uns plagen und verzweifelt versuchen, unser ganzes Zeug im Auto unterzubringen, desto genervter wird Philipp. „Ich hab’s gewusst! Das Auto ist zu klein!“ Ich bin immer noch wie verhext, mit meiner rosaroten Brille bringt mich nichts aus der Fassung und ich bin gut gelaunt und gechillter denn je. Ja, ich weiß: Philipp genervt und ich positiv und gechillt? Den Tag trag ich mir im Kalender ein!

Während ich in Gedanken schon wieder oder noch immer bei der wunderschönen Umgebung bin, höre ich den Miesepeter gegenüber im Hintergrund noch immer jammern: „Was machen wir jetzt? Vielleicht sollten wir uns ein Zelt kaufen? Ein Zelt für uns? Oder ein Zelt, in dem wir einfach die Sachen verstauen. Wir müssen uns was überlegen!“ Ich hab nie gedacht, dass ich das jemals sagen werde, aber: „Alter! Chill! Das wird schon!“ Sarah (offensichtlich) im Liebesrausch.

Genauso wie ich’s prophezeit habe, haben wir kurze Zeit später alles im Auto verstaut und feiern mit Bier und Wraps unseren ersten Abend in Neuseeland. Besser kann ein Roadtrip nicht starten.

Die erste Nacht war… wie soll ich sagen…kalt. Arschkalt. In-einer-Badewanne-mit-Eiswürfel-liegen-kalt. Wir sind schon um 21 Uhr ins Bett gegangen, nachdem wir letzte Nacht so gut wie nichts geschlafen haben und uns außerdem der Wind fast vom Campingsessel geweht hat. Auch im Auto wurde es nicht besser und obwohl wir schon alles angezogen hatten, was wir besitzen (das ist, wie wir alle wissen, nicht viel) und uns in Schlafsack und Decke eingerollt haben, sind wir immer noch bibbernd nebeneinander gelegen. Ständig musste ich meine Zehen bewegen, weil ich sie nicht mehr gespürt habe und ich immer an diese Bergsteiger-Mount-Everest-Filme denken musste, wo die Leute immer mit vor Kälte schwarzen Zehen nach Hause kommen.

Wenn meine Finger nicht taub gewesen wären, hätte ich ein Bild von Philipps roter Schnapsnase (mehr konnte man von ihm nicht sehen) gemacht, um die antarktis-ähnlichen Temperaturen von minus 18 Grad (wenn nicht noch weniger!) zu beweisen.

Wir können es kaum erwarten, als dann morgens endlich die ersten Sonnenstrahlen hinter dem Berg hervorblitzen, uns aufwärmen und wir unsere Körper wieder spüren können. Da ist ja eine Nacht auf dem Mount Everest noch gemütlich dagegen.

Sobald wir uns wieder aufgewärmt und die Schmerzen der letzten Nacht vergessen haben, genießen wir beim Frühstück wieder nur die Aussicht.

DSC03445
Wenn du aufwachst und DAS siehst, kann ein Tag nur schön werden . (Trotz Taubheitsgefühl in den Gliedmaßen)

Nachdem wir alles zusammen- bzw. umgepackt haben, fahren wir zum Castle Hill. Der Himmel ist azurblau, kein Wölkchen ist zu sehen. Perfektes Wetter, perfekte Stimmung und wir freuen uns, endlich was zu sehen!

Castle Hill ist, wie der Name schon sagt, ein Hügel, der seinen Namen wegen der vielen in der Gegend verstreut liegenden Felsbrocken aus Kalkstein bekam, da diese an eine alte heruntergekommene Burg erinnern. (Ich seh da nicht mal ansatzweise eine Ähnlichkeit zu einer Burg, aber okay.)

Während wir zum bzw. den Hügel hinauf laufen, ist es still. Wir sprechen nicht, wir schauen nur und sind schon wieder begeistert von der Gegend, die so viel Ruhe und Natürlichkeit ausstrahlt. Nicht umsonst bezeichnete der Dalai Lama den Castle Hill als ein „Spirituelles Zentrum des Universums“, denn in der Tat hat der Ort etwas Magisches an sich.

Genau der richtige Platz, um sich auf einen Stein zu setzen und sich wieder mal daran zu erinnern, wie froh man sich schätzen kann, hier zu sein.

DSC03473.JPG

Wir klettern hoch, stehen auf einem der Felsen und fühlen uns so gut wie schon lange nicht mehr. Am liebsten würd ich meine Arme ausbreiten, die Augen schließen und schreien. Wir sind da, wirklich da! In Neuseeland! Solange wir denken können, war es ein Traum von uns – ein klitzekleiner und lange unrealistischer Traum. Und jetzt sind wir wirklich hier! Manchmal ist alles zu schön, um wahr zu sein. (Meine Laune und mein Optimismus fangen langsam an, mir Angst zu machen.)

 

Als ob es hier nicht schon schön genug wäre, fahren wir heute noch weiter und werden in ein paar Stunden feststellen müssen, dass man in Neuseeland immer wieder aufs Neue erfahren muss: es geht noch schöner.

Wir fahren nämlich noch weiter zum Mount Sunday, besser bekannt als Edoras, das Königreich von Mittelerde. An alle, die jetzt schief schauen und nur Bahnhof verstehen: ich bin enttäuscht. Was es damit auf sich hat und wann ich zu so einem Nerd wurde, erzähle ich euch im nächsten Eintrag 🙂

Übrigens – heute fahre ich. Ja, ich bin genauso aufgeregt wie ihr. Eher panisch. Das mit dem Linksverkehr ist ja eigentlich gar nicht so schlimm. Wenn kein Auto kommt. Dann hält man einfach kurz den Atem an, schließt die Augen und hofft, dass es bald vorbei ist.

Dass ich kurz vor einem Herzinfarkt stehe, darf Philipp nicht mitkriegen. Ich bin ja eher so die „immer-cool-bleiben“-Person, auch wenn ich ganz und gar nicht cool bin. Locker flockig gehe ich zum Auto und öffne ganz selbstverständlich die linke Tür. Aja, ups. Rechts einsteigen, Sarah, du sitzt rechts!

Ich setze mich auf den Fahrersitz, verstelle den Sitz, den Spiegel und greife ganz automatisch hinter die linke Schulter, um mich anzuschnallen, aber ich greife ins Leere. Saraaaah! Aja, da war doch was. Links fahren, rechts sitzen, Gurt auf der rechten Seite. Da merkt man erst, wie unterbewusst und routiniert über die Jahre die ganzen Abläufe werden. Irgendwie fühl ich mich so, als hätte ich gerade erst den Führerschein gemacht.

Ich bin ja immer noch sowas von froh darüber, dass wir zumindest nicht schalten müssen. So kann ich mich auf die wichtigen Dinge wie Gas geben, bremsen oder links bleiben und dabei nicht hysterisch schreien konzentrieren. Wir haben schon vorher öfter darüber gelesen, dass hier viele Touristen einen Unfall verursachen, was mich ehrlich gesagt nicht gerade aufmuntert. Jetzt aber genug herumgeheulsuselt – einfach drauf los.

Sarah und Linksverkehr, ein Fazit: davon abgesehen, dass statt dem Blinker meistens der Scheibenwischer über die trockenen Scheiben gequietscht hat – Prüfung bestanden.

 

Neuseeland, wir kommen! Oder auch nicht.

Wie jetzt? Flug verpasst?

Die Tränen steigen mir in die Augen. Kennt ihr diesen Moment, wenn ihr etwas hört, aber es nicht wirklich realisiert und ihr innerlich noch betet, dass es einfach nur ein (Alb)Traum ist? Flug verpasst. Ich hab’s verstanden, ja – aber ich hab’s nicht verstanden! Wieso? Warum? Nein. Nein. Neiiiin!

Dann geht alles ganz schnell. Die Dame am Schalter meint, dass wir bei den anderen Fluglinien fragen sollen, ob sie noch freie Plätze nach Melbourne haben.  So könnten wir zumindest unseren Anschlussflug nach Christchurch noch schaffen.

Sprint zu Schalter 2: Flug erst in 2 Stunden. Weiter zu Schalter 3: Flugzeug voll. Schalter 4: Flug zu teuer (600 Dollar für einen 1 Stunden Flug – ernsthaft?).

Mittlerweile weine ich. Klar denken kann im Moment nur Philipp, der ist die Ruhe in Person. Ich lauf nur hinten nach, schluchze wie ein Kind und wiederhole ständig „ich bin so dumm, ich bin so dumm“. Immerhin war ich diejenige, die heute noch die Flugdaten kontrolliert und bestätigt hat: Jap, Flug geht um 16 Uhr. Äh, nein, Sarah – Flug geht um 15 Uhr. Hab ich mich wohl verlesen. Klassischer Zahlensturz oder so.

Wir laufen wie die aufgescheuchten Hühner wieder zurück zu unserer Airline. Verzweifelt und aufgelöst fragen wir, welche Möglichkeiten es noch gibt. Die Dame am Schalter verzieht keine Miene und zeigt nur auf das Münztelefon: wir sollen die Service-Hotline der Airline anrufen. Mitgefühl, Level: Dinosaurier.

Philipp rennt, ich hinten nach, die Tränen laufen mir über’s Gesicht. Nachdem wir dem Typen am Telefon unsere Situation erklären, bekommen wir folgende Informationen: 1. Wenn man den ersten Flug einer gesamten Buchung versäumt, verfallen auch die weiteren Flüge. Einen neuen Flug nach Melbourne buchen bringt uns also nichts (die sollten mal das Bodenpersonal hier besser einschulen!) und 2. Er könnte uns einen Flug für morgen buchen. Quanto costa: 1200 Dollar pro Person.

Flug versäumen, Phase  1: Tränen. Flug versäumen, Phase 2: Wut.

Ich schreie ihn an: „Und dafür gibt’s eine Service-Hotline? Ernsthaft? Das ist alles, was Sie für uns tun können? Einen Flug buchen, der 4x so teuer ist, wie der ursprüngliche?“

Danke für die Hilfe, Arschloch.

Ja. Und dann stehen wir da, mitten am Flughafen, ohne Flug. Die Tränen tropfen von meiner Nasenspitze, Philipp versucht mich zu trösten: „Immerhin hast du eine gute Geschichte für den Blog!“ Oida.

20 Minuten später sitzen wir, statt im Flugzeug, wieder im Auto auf dem Weg zurück zu den Butlers. Schicksal, ich hoffe, du hast einen guten Grund dafür. Vielleicht stürzt ja das Flugzeug ab? (Wir haben nachgesehen: ist nicht abgestürzt.)

Noch immer kommen mir die Tränen, wenn ich daran denke, was passiert ist. In meinem Kopf wiederholt sich ständig der Satz „Ihr habt den Flug verpasst.“ Ich versteh’s einfach nicht… wieso habe ich die falsche Zeit gelesen? Nachdem wir in Indien den Flug versäumt haben, habe ich mir geschworen, dass uns das nicht nochmal passiert.

Ich bin so wütend auf mich. Ich bin – normalerweise – ein extrem organisierter und strukturierter Mensch. Frag mich, wann die Frau des Cousins der Freundin Geburtstag hat und ich weiß es. Ich bin ein wandelnder Kalender, ich merke mir alle Daten, ich hab den Überblick, ich weiß immer, wann wie wo warum was passiert. Eigentlich. Bis jetzt.

Kann man das Denken verlernen?

Ich lege den Kopf auf Philipps Schulter. Er ist gelassen wie eh und je und sagt: „Schau… wir haben den Flug verpasst. Mein Gott. Wenn das das Schlimmste ist, dass uns auf der Reise passieren wird, dann bin ich froh. Das ist nur Geld, Schatz. Nur Geld.“  So jung und schon so klug! Ich beneide ihn immer wieder um seine positive Einstellung in den UNPOSITIVSTEN Momenten.

(Übrigens: mittlerweile glaube ich, dass ich einfach die Flugzeiten durcheinander gebracht habe – immerhin haben wir 4 Flüge gleichzeitig gebucht. Nicht, dass das eine Entschuldigung sein soll.)

Wir steigen bei den Butlers aus, meine Augen sind geschwollen und rot. Man könnte meinen ich hätte gerade, trotz Pollenallergie, 3 Stunden im Sonnenblumenfeld verbracht. Mama Butler kommt mir entgegen, umarmt mich und drückt mir ein Glas Sekt in die Hand. „Ich glaube, das brauchst du jetzt.“

Flug versäumen, Phase 3: Alkohol.

Tja. Und so sitzen wieder bei den Butlers, mit einem Drink in der Hand und buchen einen neuen Flug. Die Schattenseiten des Reisens. Oder so. Kann ja nicht alles immer nur toll und schön und perfekt sein. Philipp hat schon Recht, wir könnten krank sein oder einen Unfall haben oder kein Geld mehr haben, haha – alles schlimm. Es ist nur ein Flug. C’est la fucking vie, wie man so schön sagt. Außerdem haben wir sowas wie Glück im Unglück, denn wir finden einen Flug für morgen um 280 Euro. Und das ist für die lange Strecke und für die kurzfristige Buchung tatsächlich nicht schlecht. Eigentlich ein Schnäppchen!

Wir verbringen nochmal einen neuen letzten Abend mit den Bulters und hören „So sehr habt ihr uns also vermisst, dass ihr dafür extra einen Flug versäumt!“ und der ganze Tisch lacht. Ich kann mittlerweile auch wieder lachen, liegt wahrscheinlich am Sekt.

Am nächsten Tag wieder dasselbe Prozedere: traurig sein, weil Abschied, drücken, busseln, umarmen, tschüß tschüß. Wir checken zum 12. Mal in 30 Minuten die Zeit. 16 Uhr, passt. Sind wir uns auch sicher? Schauen wir lieber nochmal. Okay, immer noch dieselbe Zeit.

Trotzdem stehen wir drei Stunden vor Abflug beim Schalter, man weiß ja nie. Beim Einchecken halten wir beide die Luft an, bis uns die Dame (wieder der Dinosaurier) die Boardingpässe gibt. Puh – geschafft. Und dann – ob ihr’s glaubt oder nicht – sitzen wir im Flugzeug. Langsam verschwindet die Wut und Trauer über den verpassten Flug und die Vorfreude auf Neuseeland ist wieder da. So soll’s sein!

In Melbourne müssen wir 5 Stunden bis zum nächsten Flug überbrücken. Heute ist der 14. Februar, vor allem bei Verliebten besser bekannt als Valentinstag (habt ihr als Kind auch immer gedacht, das heißt Valen-dienstag? Who the fuck is Valen?). Eigentlich hätten wir ja heute ein anderes Abendprogramm gehabt, sowas wie: irgendwo in Neuseeland am Campingplatz sitzen, romantisch die Landschaft genießen und dabei ein Glas Rotwein schlürfen und busseln und so.

Stattdessen liegt jeder von uns auf einer Sitzreihe in der Wartehalle am Flughafen und schaut Serien am Handy. Romantik pur. Letztes Jahr waren wir am Valentinstag mit Philipps Eltern in München. Ich merk schon, nicht so unser Feiertag. (Nichts gegen meine Schwiegis, das Wochenende war wunderbar!)

Ein paar Stunden später, genau genommen um 5 Uhr morgens kommen wir in Christchurch an. Schlaf: Null komma null. Eh nichts Neues.

IMG_7372
Huhu Neuseeland 🙂

Bevor wir allerdings endlich endlich eeeendlich den Flughafen verlassen und Neuseeland sehen dürfen, müssen wir zum Zoll. Mittlerweile kennen wir das ja schon, die Einreisebestimmungen sind dieselben wie für Australien: keine Lebensmittel, Tierprodukte, Pflanzen, Zigaretten, blah blah. Paranoia hat einen Namen.

Wieder haben wir bereits im Flugzeug die Passagier-Einreisekarte ausfüllen müssen. Dieses Mal waren wir nicht so blöd und haben 2 Kilo Tabak in unseren Rucksack gestopft. Wir haben dazu gelernt, ja. Bei der Einreisekarte beantworten wir also lediglich zwei Fragen mit JA:  Haben Sie Wanderschuhe mit? Und Haben Sie sich in den letzten 4 Wochen auf einer Farm aufgehalten? Hier geht’s eben wieder darum, dass man mit dem Dreck, der an den Schuhen kleben könnte, Schädlinge oder Krankheiten einführen könnte. Das wussten wir aber vor Australien schon, weswegen wir unsere Schuhe so sauber geschrubbt haben, dass Mama stolz auf uns wäre. Sollte also kein Problem sein.

Kaum sind wir aus dem Flugzeug ausgestiegen, werden wir auch schon wieder von drei Spürhunden verfolgt. Natürlich wegen Obst und Gemüse. Und eigentlich wollte ich eine Wassermelone unterm Leiberl schmuggeln und mich als Schwangere ausgeben. Und dann der Hund so:  wuff. Und ich so: verdammt.

Im Nachhinein ärgern wir uns schon wieder dermaßen über unsere Ehrlichkeit. Da es in Australien auch kein Problem war, sind wir einfach davon ausgegangen, dass auch hier nur die Bestätigung, dass wir die Schuhe geputzt haben, reicht. Neiiiin, dem ist nicht so. Hier muss man nämlich automatisch zur Kontrolle, sobald man eine der Fragen mit Ja beantwortet.

Da natürlich jeder, der nach Neuseeland fliegt, Wanderschuhe dabei hat, könnt ihr euch vorstellen wie lange die Schlange war. Gut gemacht, Philipp und Sarah! Wir und unsere Scheiß Ehrlichkeit. Wir hätten einfach Nein ankreuzen sollen, aber dafür sind wir einfach zu große Lulus. Die hätten sofort an unserem panischen Gesichtsausdruck gemerkt, dass was nicht stimmt.

Wir sind wahrscheinlich die einzigen Menschen der Welt, die beim Trekkingschuhe schmuggeln genau so zum Schwitzen anfangen, wie andere, die Gras dabei haben.

Nach einer gefühlten Ewigkeit (es ist 6 Uhr morgens und wir hatten noch nicht mal Kaffee – wah!) kommen wir dran. Schuhkontrolle bestanden.

Und dann nichts wie raus hier. Wir fahren mit dem Bus zu unserem Autovermieter, wo wir erst mal nur unser Gepäck abgeben. So wie das alle Backpacker hier in Neuseeland machen, haben wir uns für die nächsten 5 Wochen ein Auto gemietet. Mehr dazu aber später.

Vorher wollen wir uns erst mal Christchurch ansehen. 8 Uhr morgens in einer neuen Stadt in einem neuen Land – ohne Plan, ohne Schlaf, ohne Kaffee. Deshalb starten wir erst mal mit einem Frühstück á la Neuseeland: Scones und Kaffee. Ein Scone ist ein von den Briten stammendes Gebäck und wird mit Marmelade und Schlagsahne serviert. Genauso gut wie es klingt, schmeckt es auch.

basic-buttermilk-scones-75490-1
Der Hunger war zu groß, die Scones viel zu gut – wir hatten keine Zeit für Bilder. Deswegen: Foto gestohlen bei http://www.taste.com.au

Wenn wir in einem neuen Land ankommen, gehen wir am ersten Tag immer gern spazieren. Einfach mal berieseln lassen, schauen, beobachten, entdecken. So kann man sich einen guten ersten Eindruck machen. Es ist noch viel zu früh, die Stadt wacht erst auf. Leute laufen hektisch im Anzug oder mit dem Kaffeebecher to go bei uns vorbei. Tha! Arbeit! Was ist das?

Wir spazieren vorbei am riesigen Botanischen Garten, der uns irgendwie an den Grünen Prater in Wien erinnert. Der Rasen ist so gepflegt und perfekt gemäht wie bei manchen der Garten nicht. Alles ist unglaublich sauber hier, dass ich am liebsten meine Schuhe putzen möchte, um den Gehsteig nicht schmutzig zu machen.

In der ganzen Stadt verteilt finden wir Street Art, überall haben sich Künstler mit ihren Spraydosen verewigt. Abgefuckte Häuserwände, Laternen, Telefonzellen, Stromkästen, Mülleimer – alles verziert mit bunten, einzigartigen Graffitis. So wie die Halskette eine Frau, schmücken die Bilder die Stadt.

Ich liebe das, wenn in einer grauen Stadt zwischen dem Beton und dem Asphalt diese Farbtupfer herausleuchten und uns dazu bringen, trotz Hektik und Terminen kurz stehen zu bleiben, um diese Kunstwerke zu betrachten. So, als wäre die Stadt eine Galerie und so, als wäre ein Spaziergang ein Museumsbesuch.

DSC03346
Absolutes, aaaabsolutes Lieblingsbild.

Christchurch hat in der Vergangenheit viel mit gemacht. 2010 gab es ein Erdbeben, das große Schäden in Millionenhöhe verursachte. Besonders die Gebäude im Stadtzentrum, aber auch einige historische und denkmalgeschützte Bauten wurden zerstört. Während die Neuseeländer damit beschäftigt waren, die Trümmer zu beseitigen, bebte die Erde nur 6 Monate später erneut. Zwar waren die materiellen Schäden bei diesem Erdbeben nicht so groß, jedoch gab es Todesopfer und tausende Verletzte.

Der Wiederaufbau der Stadt war langwierig und teuer. Auch wenn der größte Teil Christchurchs für Besucher mittlerweile wieder zugänglich ist, sind Teile der Innenstadt nach wie vor gesperrt. Und obwohl sich alle bewusst waren, dass die Stadt nie wieder so sein wird, wie zuvor, bewiesen die Neuseeländer viel Energie und vor allem Kreativität: es kam zu diversen Projekten wie Versteigerungen von Haussprengungen (mit dem Geld wurde in die Renovierung anderer Gebäude investiert) oder zum Beispiel das Projekt zum Wiederaufbau der Innenstadt. Unter dem Namen Re:Start wurden im Stadtzentrum kunterbunte Seefracht-Container aufgebaut, in denen Firmen seit 2011 temporär ihre Geschäfte errichtet haben. (Quelle: http://www.spiegel.de)

Klingt cool? Ist es auch. Modeläden, Cafés, Bankfilialen, Restaurants – alles untergebracht in farbenfrohen Containern. Die Fußgängerzone ist mit Blumenbeeten und Schildern dekoriert, der Asphalt ist mal rosa, mal blau. Eigentlich sollten viel mehr Stadtzentren so individuell und einzigartig sein!

Nach dem 7 Stunden Spaziergang haben wir genug gesehen und gehen zurück zu unserem Autovermieter. Wie ich bereits erwähnt habe, haben wir uns einen Kombi gemietet. Ein gemütlicher größerer Hippie-Van wäre uns natürlich lieber gewesen, der war allerdings nochmal um einiges teurer. Tja und wie das so üblich ist im Backpacker-Leben, muss man halt manchmal auf ein bisschen Komfort verzichten, wenn man länger als 5 Tage (vor allem in Neuseeland) reisen will.

Dieses Auto wird in den nächsten 5 Wochen nicht nur unser Auto sein, sondern auch Wohnzimmer, Schlafzimmer, Esszimmer und Ankleideraum. Wir werden 50 Prozent unserer Zeit in diesem Gefährt verbringen. Da wir uns dessen bewusst sind, sind wir ziemlich aufgeregt: das Auto hat auf den Bildern jetzt niiicht den neuesten Eindruck gemacht. Also BITTE LIEBER GOTT, falls es dich gibt, lass es toll sein!

Nach 45 Minuten bürokratischem Krims Krams bekommen wir endlich das Auto in real life zu sehen und – es ist wunderbar! Es ist vielleicht alt, aber wir haben alles, was man für ein Leben im Auto braucht:

Erstens und ganz wichtig: das „Bett“. Hierfür müssen wir zuerst die Rücksitze, dann die eingebaute Holzplatte und zum Schluss noch die Matratzen umklappen. Zack, fertig ist das Himmelbett. Außerdem inkludiert ist:

  • Die Küche: Wanne zum Abwaschen, Geschirr, Gaskocher mit Herdplatte
  • Das Wohnzimmer: Campingstühle und Tisch
  • Abstellkammer: Stromkabel, Verlängerungskabel, Besen und Schaufel, Lampe

Da wir nur einen dünnen Hütten-Schlafsack haben und mir sowieso immer kalt ist, nehmen wir noch Bettzeug dazu. Und damit wir uns nicht nur von Dosenravioli ernähren müssen, gönnen wir uns auch noch einen kleinen Kühlschrank. Zack – fertig ist das Haus!

Also JA, man kann auch in einem Auto wohnen!

Es gab allerdings noch etwas, weswegen wir schon seit der Buchung ein mulmiges Gefühl hatten: Linksverkehr in Neuseeland. Eigentlich nicht der Verkehr an sich, sondern eher das Schalten. Rechts sitzen, links schalten – ääääh, wie jetzt? Ganz ehrlich, mit der linken Hand schalten ist vergleichbar mit links schreiben, wenn man Rechtshänder ist. DAS GEHT GAR NICHT! Und ich weiß wovon ich rede. Es hat nämlich einen kliiitzekleinen Vorfall gegeben. Das hab ich euch bis jetzt verschwiegen, aber wie immer kommt die Wahrheit ja doch irgendwann an’s Licht.

In Tasmanien war Sam so lieb und meinte, dass wir mit seinem Auto schon mal das Fahren auf der linken Straßenseite inklusive Schalten üben können. Sarah fängt an, fährt los, ist überfordert, will schalten, schaut auf den Schalthebel, statt nach vorne und – fährt gegen den Randstein. Hupsiii! Da streift man einmal kurz den Randstein und alle schreien theatralisch und drehen schon wieder durch. (Es ist übrigens wirklich nix passiert!)

Offensichtlich gibt es tatsächlich einen Gott, denn wir haben ein Auto mit Automatikgetriebe. Das ganze Drama umsonst. Zusätzlich haben wir uns (zwecks Linksverkehr und aggressivem Fahrverhalten) sowieso für eine Vollkasko-Versicherung entschieden, also kann ja nichts passieren. Trotzdem zwinge ich Philipp dazu, als Erster zu fahren. Immerhin stehe ich nach meinem Randstein-Kuss noch unter Schock.

Also looooos! Jetzt aber wirklich.